Sozialdebatte auf Bohlen-Niveau

Kann Steuern zahlen Spaß machen? Nun ja. Aber soll die ermüdende Klassenkampf-Rhetorik das letzte Wort sein?

Alle Jahre wieder, zur Gurkenzeit, im Frühling, zu Weihnachten, Ostern und allen anderen Talkshow-Zeiten, wird mit großem Gewicht die Frage aller Fragen gestellt: Warum sind die Reichen schon wieder schuld an Allem?

Dass die Reichen Schweine sind, wusste ich schon, als ich als junger Student zu denen gehörte, die immer recht hatten, weil sie gegen „das System“ waren. Der Unterschied zu damals ist: Heute ist das Common Sense. Frau Wagenknecht und Herr Müller von unten am Kiosk, meine Mutter und der nette Nerd von nebenan, der rund um die Uhr bloggt, dass Bonzen und Banker unsere Welt kaputtmachen. Alle sind sich einig. Die Sozialdebatte rotiert auf Dieter-Bohlen-Niveau.

Erinnern wir uns: Eine rot-grüne Regierung beendete vor gut einem Jahrzehnt den bizarren 53 Prozent-Spitzensteuersatz der Kohl-Ära. Davor war vieles anders. Ich kann mich an viele Abendveranstaltungen in den 90er-Jahren erinnern, bei denen gestandene Konservative fröhlich über Steuerhinterziehung plauderten. Leute, die Rezepte zur Steuerflucht boten und den Staat als Gangster titulierten, waren damals öffentliche Stars. Legal, scheißegal, illegal.

Mit 42 Prozent Spitzensteuersatz ging die Motivation beim Geldverdienen auch für die Ehrgeizigen nicht verloren. Das war okay. Und die Medizin wirkte, zusammen mit den Hartz-Gesetzen. Heute kann man die Ergebnisse in einer vitaleren Wirtschaftskultur besichtigen. Und das Schwarzgeld kehrt aus der Schweiz zurück. Legal oder illegal. Wurde auch Zeit.

Ressentiments gegen alle

Damit kein Missverständnis aufkommt: Jedes Steuersystem hat seine Schwächen, und das deutsche hat in der Tat Korrekturbedarf, weil es die Vermögenskomponente vernachlässigt. Doch das zentrale Kapital jeder Gesellschaft ist Vertrauen. Zukunft gelingt immer dort, wo Sozialtechniken der freiwilligen Kooperation, des Win-Win-Spiels entwickelt werden. In Skandinavien werden Steuerzahlungen im Internet veröffentlicht, und viele Bürger sind sogar stolz auf ihre Beiträge. Peter Sloterdijk der Schlaufuchs, hat neulich vorgeschlagen, Steuern als freiwillige Spenden zu organisieren.

Das war als provokatives Denkmodell gedacht. Die österreichische Finanzministerin Maria Fekter erklärt den Steuerzahlern demnächst ganz real, wo ihr Steuer-Euro hinrollt: Jedem Steuerbescheid liegt eine Aufschlüsselung über die Verwendung bei. Das ist schon interessant: 12 Prozent für Beamtenpensionen, 10 Prozent für Staatsschulden, 24 Prozent für Soziales, nur 2 Prozent für Europa! In der Schweiz und Frankreich experimentieren Gemeinden mit Steuer-Mitbestimmung; Steuerzahler können einen Teil der lokalen Steuern für bestimmte Zwecke bestimmen.

Kann Steuern zahlen jemals Spaß machen? Nun ja. Aber sind die ermüdenden Verteilungs- und Klassenkampf-Rhetoriken des 18. Jahrhunderts das letzte Wort? Fangen wir alle 15 Jahre wieder von vorne an, die Fehlsteuerungen eines überbordenden Systems zu korrigieren? Oder gibt es irgendwann tatsächlich eine klügere Debatte um die Zukunft? Eine Zukunft, in der Zivilgesellschaft, Leistungslust, Transparenz und Bürger-Verantwortung das Jammern und die Polemik ablösen.

P.S.: Ressentiments, die man gegen „die Reichen“ mobilisiert, kann man in der nächsten Debatte problemlos gegen Asylbewerber, Ausländer und Hartz-IV-Empfänger verwenden.

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