Für Wandel empfänglich

Jeder Mensch braucht zu Neujahr Vorsätze. Da ich bereits vor Urzeiten mit dem Rauchen aufgehört habe, halbwegs regelmäßig Sport treibe und mit meiner Familie, so hoffe ich, achtsam umgehe, habe ich mir in diesem Jahr ein kleines Upgrade ausgedacht:

Erstens…

werde ich mir im kommenden Jahr nicht mehr Europa schlechtreden lassen. Dass unser Kontinent ein zukunftsloser Sauhaufen ist, von unfähigen Politikern regiert, eine „Missgeburt”, die nur zum Normieren von Gurken und Schuldenmachen erfunden wurde, diesen Tea-Party-Unsinn höre ich mir nicht mehr an. Ich bin in diesem bewegten Jahr glühender Europäer geworden. Ich liebe diesen Kontinent, gerade WEIL er ein „nervöses, lernendes System” (Bernd Ulrich in DIE ZEIT) ist. Ein hochproduktives Laboratorium mit 50 „Spielern”, die über kostbare Erfahrungen für die Zukunft verfügen. Wenn die DM wiederkommt oder die Drachme, wenn die Grenzbäume wieder heruntergehen, wandere ich nach Island oder auf die Malediven aus. Aber bis es soweit ist, werde ich Europa mit Zähnen und Worten gegen die Euro-Doomsayer verteidigen!

Zweitens…

verspreche ich hochheilig, auf die abendlichen Weltuntergangs-Klischee-Talkshows im deutschen Fernsehen zu verzichten! Nie mehr eineinhalb Stunden Erregungsritual mit Maischberger, Plasberg, Anne Will über „Die Burnout-Geißel” oder „Kapitalismus am Ende” oder „Wie Schweinebanker uns fertigmachen”, besonders, wenn dort Lafontaine, Wagenknecht, Dirk Müller, Olaf Henkel oder Dirk Niebel in den Sesseln hocken.

Eine Ausnahme mache ich vielleicht bei Maybrit Illner, wenn sie einen guten Tag hat. Oder bei Markus Lanz, wenn der aufhört, Schlagersänger einzuladen, die mit Dreifach-Bypässen und Alkoholproblemen in Mehrzweckhallen singen.

Drittens…

werde ich nur noch mit Menschen kommunizieren, die nicht jammern. Das ist die schwierigste Übung. Man will ja nicht arrogant wirken. Aber ich kann diesen Ton, dass alles immer schlechter wird, die Züge nicht mehr pünktlich fahren, die Schulen immer schlechter werden, die Umwelt am Ende ist, das Wetter versagt, die Politiker, die Frauen, die Männer, nicht mehr ertragen. Angesichts eines Planeten, auf dem es viel Hoffnung, aber auch noch viel Elend gibt, ist diese luxurierende Larmoyanz einfach unerträglich.
Viertens…

werde ich das Wort „Krise” ab dem 1.1.2012 ignorieren. Nein: mental umcodieren. Wenn jemand KRISE sagt, bekomme ich keinen Schreck mehr. Stattdessen wird in meinem Kopf einfach ein Bliep ertönen, wie bei schmutzigen Wörtern in Hollywood-Filmen in arabischen Hotels, und dann tauscht mein Hirn das Bliep gegen das Wort WANDEL.

Die Schlagzeile lautet dann „Der Euro-Wandel geht in die nächste Runde!” oder „Wandel vertieft sich durch Ratingagenturen!” Denn Krisen sind in der modernen Zivilisation nicht mehr dramatische Wendepunkte, in denen es um Sein oder Nichtsein, Krieg oder Untergang geht, wie es uns Alarmisten ständig weismachen wollen. Sie sind evolutionäre Prozesse. Der Soziologieprofessor Dirk Baecker hat das neulich in einem Interview wunderbar auf den Punkt gebracht. „Unsere Gesellschaft funktioniert nur dann, wenn sie für Krisen empfänglich ist.”

Ich weiß, ich habe mir viel vorgenommen. Ein bisschen Unterstützung von Ihrer Seite könnte ich schon brauchen. Guten Rutsch!

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