Warum Terror nie gewinnen kann

Der Terror scheint der letzte, der schlagende Beweis zu sein, dass die Welt unweigerlich zum Teufel gehen muss. Muss sie nicht. Eine Aufklärung.

Warum Terror nie gewinnen kann

Screenshot: Die Presse

In meiner Jugend lebte in der Wohnung unter meiner Studenten-WG eine Truppe faszinierender Gestalten. Typen mit schweren Lederjacken und einem seltsamen, vibrierenden Jargon, die Frauen mit strähnigen Haaren und extradunklen Augenlidern, gehüllt in Parkas und Palästinensertücher. Manchmal lagen Flugblätter im Treppenhaus, darin war unter Mao-Zitaten und dem Emblem zweier gekreuzter Kalaschnikows die Rede von Schweinestaat und Imperialismus, vom Kampf in den Metropolen und einer gloriosen Zukunft ohne Kapitalismus und Ausbeutung. Auf den Uni-Teach-ins saß der Clan geschlossen in der letzten Reihe, schwere Army-Stiefel auf der Lehne davor.

Auf die sanften Studentinnen in unserer WG übten die Typen eine irritierende Anziehungskraft aus (no details!). Sie hatten dieses Stigma einer transzendenten Weltkompetenz: Wir werden das Universum verändern! Und ihr seid eigentlich nur Kretins, ihr seid Feiglinge und Würmer! Eines Tages war die Wohnung unter uns leer. Drei unserer Untermieter tauchten im Deutschen Herbst, dem Finale desRAF-Terrorismus, auf den Fahndungsplakaten auf. Zwei saßen lang im Gefängnis. Über eine der Frauen hieß es 15 Jahre später in einer winzigen Zeitungsmeldung, man habe sie tot in einer Einzimmerwohnung im Ruhrgebiet gefunden. Sie sei heroinabhängig gewesen. Wahrscheinlich Überdosis.

Alle Jahre wieder haben wir das Gefühl, die Welt stülpe sich von innen nach außen. Der Terror scheint der letzte, der schlagende Beweis zu sein, dass es mit der Welt unweigerlich zum Teufel gehen muss. Dieser Untergang lauert nicht im Außen, in der Umwelt oder im All, das uns einen Meteoriten schickt. Der Mensch selbst ist eine Art Bombe, eine Fehlkonstruktion, die jederzeit hochgehen kann.

Aber vielleicht ist alles noch irritierender. Vielleicht geht es gar nicht um einen Bruch, etwas Neues. Die anhaltende Tatsache des Terrors weist vielmehr auf eine seltsame Kontinuität hin, auf eine unheimliche, über Äonen dauernde Konstante des Menschseins.

Menschen sind in ihrer evolutionären Konstruktion extrem empfindliche Wesen. Durch unsere unreife Geburt, unsere lange, postnatale Bedürftigkeit sind wir existenziell darauf angewiesen, gesehen zu werden. Menschen können in jedem Alter materielle Entbehrungen überleben, aber wenn sie in ihrer Kindheit keine sichere Bindung erleben, keine Zuneigung und Empathie, können sie kaum weiterleben. Deshalb führt Missbrauch zu schrecklichen Beschädigungen der Seele. Deshalb sterben Kinder aus Verwahrlosungsheimen. Deshalb wimmeltes in den Praxen der Therapeuten von Menschen, die ihre Kindheitstraumata von Vernachlässigung, Verwahrlosung, Verlassenwerden aufzuarbeiten versuchen.

Nichts anderes ist der Urgrund von Terrorismus: Es beginnt mit einer realen oder vermeintlich erlebten Demütigung. Einem katastrophalen Versagen von Liebe und Bindung. Die daraus entstehende existenzielle Angst – nichts und niemand, unwert zu sein – mündet in ein Vernichtungsgefühl.Dieses wird irgendwann so stark, dass es sich nur durch sein Gegenteil kompensieren lässt: die Fantasie des Tötens.

Klaus Theweleit hat in seinem neuen Buch, „Das Lachen der Täter“, dargestellt, wie sich in jenem kindlich-irren Lachen der Täter die abgrundtiefe Verlegenheit gegenüber der nicht vorhandenen, nicht internalisierten Mutter spiegelt (siehe die Bilder von Abdelhamid Abaaoud, dem Drahtzieher von Paris). Dschihad-Attentäter sind nicht selten die dritten, vierten, fünften Söhne emotional disfunktionaler Großfamilien (auch Osama bin Laden gehört zu dieser Kategorie – aufgewachsen in einem wohlstandsverwahrlosten Elternhaus). In einem bestimmten Alter sind auch Mädchen für diese Faszination empfänglich – auf dem Umweg über die erwachende Sexualität.

Das „Verrückte“ wird aus dieser Sicht plötzlich normal: Wenn unsere Selbstkonstruktion zusammenbricht (wenn wir im Wortsinn ohnmächtig werden), versucht unser Gehirn, den Kollaps durch Dopamin-Ausschüttungen zu kompensieren. Es erzeugt Machthalluzinationen, die höchst irrational wirken, aber äußerst wirksam sind. Durch Ideologien – religiös oder nicht – entstehen „euphorische Bahnungen“, die die kaputte Psyche stabilisieren. Dabei ist das Gefühl des Berufenseins entscheidend. Ob bei Breivik, dem Killerpsychopathen von Norwegen, oder bei Frank S., dem arbeitslosen Messerattentäter von Köln, oder bei den Konvertiten und Syrienabenteurern – immer dominiert das Gefühl eines Callings, eine perverse Ersatzform des Gewolltwerdens. Allah liebt dich! Die nordische Rasse ist allen überlegen und muss geschützt werden! Der Feind ist das faschistische System, das zerstört werden muss!

Andreas Baader selbst war ein kaputtes Waisenkind, ein Typ, der Frauen mit obszöner Fäkalsprache demütigte. Wenn man die Schriften der RAF heute, aus historischer Distanz, liest, wirken sie so wirr wie die hypnotisch gesungenen Suren des Korans. Mundlos und Böhnhardt, die mörderischen Bubis aus dem Osten, mit ihrem Rosa-Panther-Zynismus und ihren unendlich schwachen Familienbindungen. Oder die Shootout-Kids in Baggypants aus amerikanischen (inzwischen auch deutschen) Schulen. Sie alle teilen dieselbe Botschaft: Ich bin hier! Seht endlich ein, dass ich existiere!

Um ein erfolgreicher („berühmter“) Selbstmordterrorist zu werden, muss man allerdings eine ganze Reihe von Bedingungen erfüllen. Das eine ist dieser Treibstoff der tiefen Verletzung. Ginge es allerdings danach, wäre die Welt voller Killerterroristen, und die Menschheit hätte sich tatsächlich längst gegenseitig umgebracht. Demütigung, Missbrauch, Vernachlässigung, Gewalt in der Kindheit – das haben viele erlebt.

Doch ein Trauma kann kompensiert werden – auch positiv. Steve Jobs war ein abgelehntes Kind, das davon träumte, mit intelligenten Maschinen zu leben, auf die man sich verlassen kann. Wie viele großartige Schauspieler, Poeten, Schriftsteller, Rockstars, Architekten, Wissenschaftler haben diesen „Knacks“ in der Kindheit erlebt? Ich kenne keinen ohne! Neue Erkenntnisse der Resilienzforschung zeigen, dass rund ein Drittel aller Kindheitstraumatisierten eine ganz besondere Widerstandskraft entwickeln. Krisen können uns unter bestimmten Voraussetzungen unglaublich stark und stabil machen.

Um als Terrorist zu reüssieren, braucht man – zweitens – einen fundamentalen Mangel an Intelligenz. Zeugen aus den islamistischen Geiselcamps beschreiben ihre Peiniger als „ständig zur Scherzen aufgelegte Typen mit großem Maul und einer enormen Dummheit“. Effektive Terroristen müssen außergewöhnlich emotional verkrüppelt und dabei gleichzeitig schlau sein. Diese spezifische Kombination kommt vor allem bei echten Psychopathen vor. In allen menschlichenKulturen liegt die Anzahl der Psychopathen bei rund einem Prozent. Forscher wie Niels Birbaumer, Robert Hare und Simon Baron-Cohen sehen den wahrscheinlich genetisch angeborenen Mangel an Empathiefähigkeit als wichtigen Faktor für die Kriminalitätsentwicklung. Rund 30 Prozent aller Gewaltstraftäter und so gut wie alle Serienmörder sind echte Psychopathen.

Mit diesen Bedingungen hat man zunächst eine hohe Chance, zum Gangster oder Großbetrüger im Finanzsektor zu werden. Suizidärer Terrorist jedoch wird erst derjenige, der im Resonanzfeld eines starken, faszinierenden Opfernarrativs „erweckt“ wird.

Dazu benötigt man eine Art Zeitgeist-SuperMEM, eine heroische Mega-Erzählung mit einer ganz besonderen Kombination von Rebellion und Unterwerfung. In meiner Jugend war dies die Narration des anarchistischen Rebellen. Der Steinzeitislamismus bildet nur die aktuellste Variante dieses Skripts: totaler Gehorsam, totale Rebellion und totale Herrschaft. Errechnen wir nun nach den Regeln der Probabilistik den Terrorfaktor: Wahrscheinlichkeit, in der Kindheit tief verletzende Traumata und Selbstwertgefühl-Katastrophen zu erleben: zehn Prozent; Wahrscheinlichkeit einer psychopathisch-schlau-dummen Charakterstruktur:ein Prozent; Wahrscheinlichkeit, zur richtigen Lebensphase am richtigen Ort auf eine Gruppe von Sinnstiftern zu treffen, die eine „dopaminergene-halluzinatorische Calling-Gewalt-Narration“ anbieten (und dieser auch zu folgen): 0,01 Prozent.

Warum ist die letzte Wahrscheinlichkeit so gering angesetzt? Weil wir die stille Macht sozialer Bindungen unterschätzen. Selbst in stressreichen Gesellschaften existieren dichte, integrative Netzwerke. Imame und Großfamilien, muslimische Mütter und islamische Zivilgesellschaften sind in 99,98 Prozent aller Fälle Bindungsinstitutionen, keine Terroragenten!

Das Risiko, in einem Jahr X in Europa einem Terroranschlag zum Opfer zu fallen (der IS benötigt dafür einheimische Täter!), betrug vor den Attentaten von Paris weniger als 1:500.000. Das liegt ungefähr beim Flugzeugabsturz. Das Risiko nach Paris ist genauso hoch, wenn nicht geringer. Selbst in Israel, einem Homeland des Terrors, ist die Gefahr nicht viel höher. Und sie wird nie viel höher werden. Denn die Regeln der Wahrscheinlichkeit gelten in allen Skalierungsebenen, in allen historischen Situationen. Terrorismus ist ein System, das bei aller scheinbaren Entgrenzung bestimmte Regeln hat, Wahrscheinlichkeiten und Unwahrscheinlichkeiten, Pfadabhängigkeiten und Zufallsquoten, Kräfte und Gegenkräfte.

Der eigentliche Treibstoff, den der Terrorist braucht, um seine Ekstase zu steigern (und seine fragile Existenz noch eine Weile am Leben zu halten), ist Resonanz. Die Angst der anderen ist sein mentales Heroin. Ein Terrorist, der von niemandem wahrgenommen wird, verschwindet irgendwann aus dem realen Universum. Die mediale Öffentlichkeit bietet dem Dschihad erst jenen gigantischen Resonanzraum, auf dem er seine Schlachtenfantasien inszenieren kann.

Nach dem Attentat von Paris schafften es die hiesigen Medien, eine Million Menschen wie einen Elefanten auf der Bühne zum Verschwinden zu bringen. Die Flüchtlinge – sie waren plötzlich nicht mehr existent! Einfach weg! Bis sie dann, eine Woche nach dem 13. November, wieder auftauchten – in einem völlig anderen Kontext. Als Hintergrund für terroristische Gefahren. Terrorberichterstattung ist ein exzellentes Beispiel für das selbstreferenzielle Prinzip moderner Medienkulturen. Angst wächst aus dem Reden über die Angst. Unentwegt treten „Experten“ auf, die das Bedrohungsszenario ausmalen und ausweiten. Moderierende Stimmen werden kaum gehört. Die Standardfrage der Fernsehjournalisten und Talkshowmoderatoren: Aber müssen wir nicht Angst haben??? Die Antwort kann immer nur redundant sein: Ja, wir müssen Angst haben! Ohne Angst ist der Mensch nicht lebensfähig, Angst ist die evolutionäre Natur des Menschen, unser Überlebensvorteil, unsere innere Prägung. „Angst ist immer auch egoistisch“, sagte neulich eine kluge Psychologin in einer der wenigen Talkshows im deutschen Fernsehen, in der ausnahmsweise nicht der Hysterie gefrönt wurde.

Wir sehen nicht mehr, wie reich und vielfältig das Leben ist, wie robust, erfinderisch, resilient menschliche Gemeinschaften. Wir sehen nicht, dass die Armut weltweit auf dem Rückzug ist, dass die globale Lebenserwartung heute 70 Jahre beträgt, dass das Feuer des Fortschritts auch in den meisten islamisch geprägten Ländern brennt. Der Terrorismus versucht, unseren Sinn für Schönheit zu verderben. Er will die Welt umkodieren – in einen Ort des finsteren Schicksals. Er bietet uns einen Tunnel, den wir bereitwillig mit unseren eigenen Depressionen und Hoffnungslosigkeiten auskleiden.

Das Bundeskriminalamt geht heute von 420 „Gefährdern“ in Deutschland aus, das Milieu der Salafisten beträgt einige Tausend. Erstaunlicherweise ähneln diese Zahlen denen meiner Jugend. In Deutschland/West der 1970er-Jahre sprach man damals von rund 1.000 Linksterroristen und 10.000 RAF-Unterstützern. Könnte es sich hier um so etwas wie probabilistische Konstanten handeln?

Jede Zeit hat ihren Terror. Im Mittelalter wurden Menschen an allen Straßenecken geköpft und gepfählt. Unsere Groß- und Urgroßeltern erlebten den monströsen Terror der zwei Weltkriege. Hitler, dessen mentale Struktur den heutigen Suizidterroristen aufs Haar ähnelt, konnte noch einen ganzen Kontinent mit seinem Wahn in Brand stecken. So gesehen ist der molekulare Terror von heute nichts anderes als eine Adaption an die moderne Medienwelt. So, wie in jedem komplexen Organismus Krebs entsteht – als Versagen der Zellintegration – so kommt es in den offenen, globalen, komplexen Gesellschaften immer wieder zu kommunikativen Entropien: Infektionen, die sich wie Entzündungen ausbreiten, die das filigrane Gewebe des Friedens angreifen.

Aber es existiert keine Kraft ohne Gegenkraft. Das Immunsystem unserer Gesellschaft ist die Kooperation. Die Empathie zwischen Menschen über ethnische, kulturelle, ökonomische Grenzen hinweg. An diesem Punkt – der Herausforderung, unsere Verschiedenartigkeit miteinander zu teilen – sind wir an einem historischen Tipping Point angelangt. Die Welt wächst unweigerlich zusammen – ökonomisch, ökologisch, kulturell. Und genau deshalb gerät die Macht der Empathie so ausführlich unter Druck – durch Terror, durch alltägliche Hassgesänge im Internet, durch die Rückfälle des Nationalismus, durch jene bräsig-egoistische Spießigkeit, wie sie uns heute im Namen von Pegida und AfD entgegentritt. All das sind Reaktionen auf eine Zukunftsdrift, die nicht mehr aufzuhalten ist.

Wir ahnen, dass all dies auf denselben Glutkern zurückgeht. Der Hass ist die dunkle Energie des sozialen Universums, die faustische Kraft, die durch unsere schreckliche Verletzlichkeit entsteht. Aber terroristische Strategien können nie gelingen, weil sie keine eigene Evolution in sich tragen. So wie der Krebs, der nur die Regression repräsentiert, im Organismus keine eigene Zukunftsperspektive hat.

Also Terroristen: Bombt, killt, erschießt uns! Es wird immer nur zu eurer nächsten Niederlage führen! Die nächsten hunderttausend Jahre, so lange, wie im Paradies die Granatäpfel blühen, wird sich die Menschheit in immer tieferen Konnektomen vernetzen. Ihr seid Teil, Katalysator, Beschleuniger dieses Prozesses. Sobald ihr das mit euren beschränkten Hirnen einseht, werdet ihr aufhören.

Erschienen im Dezember 2015 in der Tageszeitung „Die Presse“.

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