Schönheit der Revolte

Was wir vom Iran lernen können

Wenn wir Krisen besser verstehen wollen, ist es sinnvoll, sich sich auch Ereignisse in Ländern anzuschauen, die zunächst scheinbar nichts mit unserer „Finanzkrise” zu tun haben. Aber uns dennoch Auskunft darüber geben können, wie Wandel und Fortschritt entsteht.

Der Iran zum Beispiel. Was ist in diesem Land passiert, das wir noch vor Kurzem für einen langweiligen monolithischen Gottesstaat hielten?

Als Khomeini und seine Revolutionsgarden vor dreißig Jahren den Schah stürzten, war der Iran ein kulturell und sozial zutiefst gespaltenes Land. Eine kleine, korrupte und „westliche” Elite herrschte über ein Volk in tiefer bäuerlicher Armut. Die Geburtenrate pro Frau lag bei sechs (!) Kindern, die Analphabetenquote um 50 Prozent. Auf dieser Basis errichteten die Mullahs eine „stimmige” religiöse Umformung der Gesellschaft.

Der Basar, das patriarchale Zentrum der morgenländischen Stadt, unterstützte die frommen Tyrannen; sie bildeten die ökonomische Basis der islamischen Revolution.

Heute gibt es in Teheran 1,2 Millionen Studenten (bei einer Einwohnerschaft von rund 10 Millionen). Mehr als die Hälfte, fast 800.000, sind Frauen. Die meist unverhüllten Gesichter der jungen Frauen in der Revolte sind nicht nur ein Beiwerk eines Aufstands. Die jungen zornigen Frauen sind die treibende Kraft. Aus ihren Reihen stammt auch Neda, die erste Märtyrer-Ikone der Revolte.

Die Geburtenrate Irans lag vor zwei Jahren bei 1,7 Kindern pro gebärfähiger Frau. Heute ist sie wieder auf knapp unter 2 gestiegen, aber auch das sind noch mitteleuropäische Werte. Verhütungsmittel sind im Iran (relativ) frei verfügbar. Kulturelle Modernisierung und Individualisierung waren die Folge.

Eine breite Mittelschicht mit Ipod und Internet-Zugang hat sich entwickelt, die sich mit der übrigen Welt verbunden fühlt. Die „Basari” haben sich zum Teil zu  Import-Export-Händlern  entwickelt, die mit dem Fernen Osten wie dem Westen Geschäfte machen wollen – Handel bringt Wandel.

Der „Megatrend Frauen” und der „Megatrend Bildung” sind auch hier die treibenden Kräfte des Wandels. Es sind die unweigerlichen Dynamiken  der Technologie, der Individualisierung, der Globalisierung, der kulturellen Modernisierung, die uns hoffen lassen, dass der wunderbare Ruf „Nieder mit der Diktatur!”, der heute jeden Abend den Himmel über Teheran füllt, nicht aufhören wird, bis das Regime stürzt.

Was das mit unserer „Finanzkrise” zu tun hat? Wandel geschieht, wie Schumpeter schon in den 20-er Jahren des vergangenen Jahrhunderts formulierte, „nicht in kontinuierlicher Form, sondern in Stürmen kreativer Zerstörung”. Das Neue bricht sich immer dann Bahn, wenn die Kräfte der Innovation, die Sehnsüchte nach einem anderen Leben, die Kreativität einer Gesellschaft, übermächtig werden. Und sich gegen die reaktionären Wächter der Vergangenheit richtet. Die Iraner werden über kurz oder lang ihre Gesellschaft neu erfinden. Wir auch. Aber vielleicht haben wir es noch nicht ganz begriffen.

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