Mediale Hyperventilation

Um die Jahreswende wurde ich als Zukunftsforscher wieder mit den üblichen Horoskop-Anfragen geplagt: Wie wird 2011? Wahrscheinlich wie das letzte, antworte ich dann, also eigentlich immer besser. Wie bitte?

War 2010 nicht ein einziges Krisenjahr, Euro am Ende, Staatsversagen, Bahnhofswut und islamistische Verdummung Deutschlands, ganz zu schweigen vom Klimawandel und den Chinesen?

Was ist Ihre größte Angst für die Zukunft, werde ich dann auch gefragt. Da fällt mir vor allem ein: Ich habe Angst vor den Medien.

Nein, nicht was Sie denken. Nicht dass im öffentlich-rechtlichen Fernsehen immer mehr Talkshows zu mentalen Bumsshows mutieren, dass es immer mehr Trash, schlechte Shows und „personality“ gibt. Daran gewöhnt man sich. Es geht mir um etwas viel Tieferes. Die Medien in ihrer Definitionsmacht der Wirklichkeit schaffen es, immer mehr Menschen davon zu überzeugen dass:

  • alles immer schlimmer werde
  • die Welt nicht mehr zu retten sei und
  • einem demnächst alles um die Ohren fliegen werde.

Der „Kampf um den Euro“ zum Beispiel. Welche Orgien der Begrifflichkeiten wurden da im vergangenen Jahr nicht alles aufgefahren: Endkampf, Schicksalsjahre, finales Jahr, existenzielle Bedrohung, ein Abgrund an Schulden – Europa am Ende! In immer schnelleren Taktungen wurden eitle Herren (immer Männer) auf die Bühne gezerrt, die nach dem Sarrazin-Muster die Wut- und Angstkultur bedienten.

„Der Euro ist tot, wir werden den Wohlstand verlieren, und ich habe es immer schon gesagt!“ Derweil stand der Euro im Vergleich zum Dollar auf 1,30.

Wir leben im Dritten Weltkrieg der Medialität, und dieser Krieg zeigt allmählich seine Kollateralschäden. Vernunft, Abwägen, gesunder Menschenverstand sind seine Opfer. In Amerika ist diese Entwicklung des medialen Irrsinns schon an den Rand gesellschaftlicher Destruktion fortgeschritten.

Der liberale Kolumnist Joe Klein schrieb im Time Magazin: „Der Effekt all dieses hyperventilierenden Medienlärms ist es, den Eindruck zu erwecken, als würde etwas Drastisches passieren, auch wenn gar nichts passiert. Das führt nur leider dazu, dass wir den Zustand der Wirklichkeit immer weniger verstehen können. Es wird weniger möglich, mit langfristigen Herausforderungen umzugehen, dem Klimawandel etwa, der Verbesserung des Schulsystems. Das ist das präzise Gegenteil von dem, was Medien eigentlich tun sollten – und eine viel größere Bedrohung für die Demokratie als der Sarah-Palin-Zirkus oder die Assange-Anarchie. Es wird jedes Jahr schlimmer, und ich sehe absolut keine Medizin dagegen.“

Das ist der letzte Satz von Kleins Kommentar: durch und durch pessimistisch. Und er hat recht. Gesellschaften gehen dann unter, wenn sie sich innerlich hysterisieren. Wenn die Befürchtungs- und Polarisierungs-Diskurse jenen empfindlichen Prozess zerstören, in dem neue, zukunftsfähige Mehrheiten entstehen. Am Ende steht eine Skandalokratie, die sich ihre eigenen (Real)-Krisen selbst produziert. Aber dies war, ich verspreche es, meine einzige alarmistische Kolumne dieses Jahres. Und selbstverständlich sind nicht „die Journalisten“ schuld; auch nicht „die Verleger“. In der Finanzkrise waren es ja auch nicht „die Banker“.

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