Die Robuste Zivilisation

Erstaunliche Tage liegen hinter uns. Hunderttausende von Menschen schlugen sich quer durch Europa, in überfüllten Zügen und vollgestopften Autos, via Twitter-Trampen oder zu fünft in Hotelzimmern. Die Zivilisation stockte, aber sie veränderte nicht ihren Lauf. Gästebetten wurden aufgeschlagen, Zelte im Garten errichtet, Schlafzimmer für Familien geräumt, Großunterkünfte improvisiert. Militärschiffe wurden als Heimtransporter zweckentfremdet, Angestellte bemühten sich, im Total-Chaos nicht die Contenance zu verlieren.

Manch einer, der in einer fremden Stadt gestrandet war, entdeckte sie von einer ganz anderen Seite – in jener intensiven Wahrnehmung, die nur das Stocken der Routinen hervorbringen kann. Man half, so gut es ging, auch wenn die Nerven manchmal nicht reichten. Und manchmal lag ein meditatives Leuchten in den Augen. Soviel Unberechenbarkeit, soviel begnadeter Stillstand, ist selten.

Unsere Zivilisation, so heisst es immer, wäre nur auf einer „dünnen Kruste von Wohlverhalten” gebaut. Diese vulkanischen Vergleiche erzählen das uralte Lied der Angst, das seinen Urgrund tatsächlich den Naturkräften hat, in den Erdbeben und Springfluten, den Feuersbrünsten und Klimawandeln. Alle großen Erzählungen der Menschheit, die Bibel, das Gilgamensch-Epos, die Sagen der Jäger und Sammler, erzählen von den Naturkatastrophen, die das Fundament unserer gemeinsamen Menschheitserfahrung, unserer genuinen Verletzlichkeit ausmachen. Wenn die Natur ihre Fasson verliert, sind wir alle gleich.

Aber müssen wir deshalb übereinander herfallen, wie es in der darwinistischen Erzählung von der „fragilen Zivilisation” heißt? In dieser Vulkan-Krise haben wir wieder eine erstaunliche Erfahrung gemacht: Die moderne Zivilisation ist in ihrer Komplexität durchaus robust. Das schöne Wort der „Resilienz” beschreibt es noch besser. Resilienz meint die Fähigkeit der Biegsamkeit, der strategischen Antwort, des Robusten, das auf Sensibilität, Einfallsreichtum, Innovation beruht.

Bereits in der Finanzkrise konnte man dieses seltsame Staunen beobachten, das entstand, als die Welt NICHT unterging. Obwohl uns eine Krise „schlimmer als die Weltwirtschaftskrise von 1928” prophezeit worden war, kauften die Menschen weiter ein, lachten, lebten und liebten, anstatt ihr Gold im Garten zu vergraben und sich gegen Horden von Arbeitslosen zu bewaffnen. Das verhinderte das Schlimmste, nahm der Krise den Stachel und strafte die Apokalyptiker Lügen.

Zivilisation ist der moderierte Umgang mit den Ängsten. Der Tsunami des Jahres 2004 hat einen Krieg beendet und eine beispiellose weltweite Solidarität erzeugt. Die Erdbeben in China haben diese chinesischen Bürger näher zueinander gebracht. Das Große Erdbeben von Lissabon im Jahre 1755 gab der Aufklärung einen entscheidenden Schub; die Dichter und Denker das damaligen Zeit nahmen es zum Anlass, über das menschliche Sein und die göttliche Unvernunft zu reflektieren.

Nationen, die gemeinsam der rauen Natur trotzen müssen, wie die Holländer, entwickeln oft einen hohen Sinn für Zivilität. Die Natur kann uns hilflos machen, sie kann aber auch das Menschliche und Kooperative in uns hervorbringen. Der mediale Alarmismus, der alle drei Monate den Weltuntergang herbeiwünscht und hinter jeder Krise eine Gelegenheit zum Bürgerkrieg wittert, hat in den letzten Monaten eine echte Schlappe erlitten.

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