Die Krise als Mental-Epidemie

Was unsere Krisenangst mit religiösen Schuld- und Sühne-Konstrukten zu tun hat

„Sehet, der Untergang kommt! Tuet Buße! Diese Phrase bedeutet damals wie heute: Her mit Eurer Kohle!” So schrieb es drastisch, klar und böse Wolf Lotter in meinem Lieblingsmedium Brand Eins. Im gleichen Text – Titel „Der Sturm und die Windmühlen” – wird Stefan Homburg zitiert, ein nicht-alarmistischer Ökonomie-Professor (ja, so etwas gibt es):
 „Man einigt sich auf Krise, Untergang, so wie man sich vor vielen Jahren aufs Waldsterben geeinigt hat.”

Stellen wir uns nur einen Moment, die Krise wäre nicht „real”. Sie wäre nicht auf Grund von Marktprozessen entstanden, sondern aufgrund von mentalen Mustern der Angst. Sie wäre eine kollektive Hysterie. In der Fachsprache der systemischen Zukunftsforschung: Ein MEGA-MEM, dass sich wie eine Epidemie ausbreitet.

(Reale) Finanzkrise
> führt zur Angstkrise
> führt zur Realkrise, weil alle sich so verhalten, als gäbe es keine Zukunft…

An diesem Ablauf ist im Grunde nichts Besonderes. Es ist NORMAL, das psychologische Faktoren die Realität bestimmen – die Börsen werden von Ängsten und Erwartungen gesteuert, in unseren Köpfen und Körpern entwickeln sich Ängste zu psychosomatischen Störungen, Placebos wirken bisweilen wie „harte” Medizin. Wenn in einem Kino jemand laut „Feuer” brüllt, kann es Tote und Verletzte geben, obwohl es gar nicht brennt.

Die eigentliche Frage lautet: Warum wir so ANGSTBEREIT, dass wir uns in DIESEM Ausmaß anstecken lassen? Irgendetwas funktioniert mit unserem mentalen Immunsystem nicht. Unser Wahrnehmungssystem kann nämlich normalerweise unterscheiden, was eine existentielle und was eine partiale Bedrohung ist. Die Bankenkrise ist in der Tat eine Krise, aber sie betrifft eine TEILsystem, die Geldversorgung. Finanzblasen gibt es in zyklischen Abständen, etwa alle 15 Jahre, und sie führen zu Reformen bei Bewertungs- und Kontrollsystemen, die im Allgemeinen die Qualität der Geldversorgung verbessern.

Diesmal aber scheint alles anders. Was speist dieses „unter-uns-bricht-der-Boden-weg”- Endzeit Gefühl, das man heute bei selbst den coolsten Freunden und Bekannten erleben kann? Schauen wir noch einmal auf das „Wording”, mit dem sich die Krise in Medien und Köpfen ausgebreitet hat. Hier die am meisten verwendeten Schlagwörter in Web und Print:
ABGRUND
ERDRUTSCH
WEGRUTSCHEN
ABGLEITEN
FLUTWELLE
STURM
TALFAHRT
KRANK
FAUL(e KREDITE)

Diese Wörter sprechen die Sprache der alten, archaischen Menschen-Angst. Hier spricht die kollektive Erfahrung von Bedrohtheit, Unsicherheit, Vernichtungsangst, die unsere hunderttausend Jahre alte Sapiens-sapiens-Geschichte dominierte. Erdbeben, Fluten, Feuersbrünste, Erdrutsche, Kriege, Krankheiten haben unsere Vorfahren und Ur-Vorfahren immer und immer wieder an den Rand der Existenz gebracht. Diese Erfahrung hat sich tief in unser kollektives Gedächtnis eingegraben – eine Art kollektives Trauma, das durch die Chiffre „Krise” aktiviert und repräsentiert wird.

„Diese Krise kommt aus unserer Mitte, dem tiefsten Inneren, dem Kern unseres Wesens.”, schrieb die Financial Times im Herbst 2008. Und diese Krise, so meine These, hat sich lange angekündigt, indem „Angstdruck” aufgebaut wurde. Vogelgrippe, Rinderwahn, Global Warming. Wie in der Bibel konstruierte unsere Kultur „Zeichen an der Wand” – für die BEvorstehende Abrechnung.

Viele Religionen arbeiten mit dem Konstrukt des Jüngsten Gerichtes, mit der Idee der Endzeit, dem großen „Reset”, in der die Gerechten und Erwählten erhöht, die Sündigen ausgefiltert werden. In diesem (vor allem christlich-judäischen) Konstrukt spiegelt sich die uralte Vision des Opfers, das man dem Gott, den Göttern bringen muss, um ihren Zorn zu besänftigen. Im Zentrum dieses Weltbildes liegt die Überzeugung, dass der Mensch ein Sünder ist, der aus der Harmonie der Natur ausbrach, und dafür die Quittung erhalten wird.

„Die Krise” ist vielleicht so etwas wie Höhenangst. Sie speist sich unbewusst aus dem ERFOLG der Globalisierung der letzten Jahrzehnte. Aus der unglaublichen Geschichte des Wohlstands, der nun in immer mehr Regionen des Planeten entsteht. Wir fühlen uns schuldig für diesen Erfolg, und ganz besonders für UNSEREN Reichtum. Wir glauben, dass wir bestraft werden müssen für unsere „Anmassung”, ein Leben in Wohlstand und Sicherheit führen zu wollen. Sind wir nicht alle irgendwie dekadent, und muss es deshalb nicht Feuer und Schwefel vom Himmel regnen?

Diese Krise ist eine Kommunikations- und Bewußtseinskrise. Wir sind uns nicht im Klaren darüber, in welchem Übergang wir uns befinden (von der Industrie- in die Wissensgesellschaft). Und wie immer, wenn Menschen ihre Zukunft nicht vorstellbar empfinden, reagieren sie mit Panik.

Diese Krise wird erst aufhören (im Sinne eines Stoppen des Angst-Diskurses), wenn wir unsere mentalen Muster an den Wandel anpassen, in dem wir mitten drin sind, ohne es „realisiert” zu haben. Wir verlassen eine Ära. Das industrielle Zeitalter mit seinen berechenbaren Lebensläufen, seinen linearen Command- und Control-Prozessen, seiner Stückzahl-Logik, der ganze Branchen (siehe Autoindustrie, aber auch in irrationaler Weise die Bankenwelt) verfallen waren, verblasst. Das Zeitalter des Wissens und der Konnektivität bringt das Spiel der Zivilisation auf eine neue Ebene. Unsere Kultur steht in den Wehen einer neuen Zivilisation. Aber vorher muss noch gebangt, gezittert und gezagt werden.  Katharsis, nennen das die alten Griechen. Hoffen wir, dass daraus keine selbstgemacht Katastrophe wird. in den Worten von Robert Skidelsky, Professor für Nationalökonomie in London:
„Es besteht die Gefahr, dass wir derart vom apokalyptischen Virus befallen werden, dass wir letztlich eine wirkliche Katastrophe – den Zusammenbruch unserer Wirtschaft und unseres Lebensstils – herbeiführen, um eine eingebildete Katastrophe zu vermeiden. Eine religiöse Geisteshaltung verdient höchsten Respekt; der religiösen Rückeroberung jener Bereiche jedoch, die Sache der Wissenschaft sind, sollten wir uns jedoch widersetzen.”

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