Das gelobte Land zwischen den Sternen

Rückschläge und Katastrophen gehören zur Weltraumfahrt dazu. Wenn alles gut geht, symbolisiert sie eine kristalline Frische und radikale Unschuld.

Ein Raumtransporter ist explodiert. In einer Explosion, die von tausenden Schaulustigen und einer immer auf „breaking news“ wartenden Weltgemeinschaft nahezu genussvoll beobachtet wurde. Ein Feuerwerks-Event mit gottlob nur Sachschaden. So what – haben wir nicht andere Sorgen; gewaltige, schreckliche?

Rückschläge, ja Katastrophen gehören zur Weltraumfahrt dazu. Sie machen sie zu jenem – vielleicht letzten – heroischen Projekt, in dem es noch um echte Risiken geht, die man überwinden, nicht nur beklagen will. Über Jahrzehnte war das von wenig Belang. Raumfahrt blieb etwas für Wissenschaftler oder romantisch versnobte Späthippies, die sich ihn ihrer Jugend eine Überdosis von Kubricks „2001 – Odyssee im Weltraum“ eingefangen hatten. Jetzt aber ändert sich das. Weltraumfahrt kehrt heimlich, aber deutlich als ein mentales Geschäftsmodell zurück.

In der großen Ära der Weltraumfahrt in den 60er- und 70er-Jahren dröhnte die Sorgenorgel ähnlich schrill wie heute. Es war die Zeit des Vietnamkriegs, eines unglaublich grausamen, terroristischen Krieges (von beiden Seiten), einer heute fast vergessenen atomaren Bedrohung, von sehr realen, nicht nur Lifestyle-Umweltängsten. Damals kam es in deutschen Städten zu Straßenschlachten, gegen die der Hooligan-Krawall in Köln ein müdes Husten war. Autoritäten und Lebensmodelle wurden radikal in Frage gestellt. Dagegen funktionierte – als eine Art mentales Gegengewicht – die Sehnsucht nach dem Exodus zu den Sternen.

Der derzeit (noch) stille Boom der Weltraumfahrt hat damit zu tun, dass ähnliche Konstellationen wiederkehren. Die Rückkehr des Blockkonflikts treibt die Investitionen wieder an, die militärische Komponente ist nicht von der Hand zu weisen. Schwellen-Nationen schicken Sonden zum Mars und zum Mond. Die Sondenlandung auf Tschurjumow-Gerasimenko ist ein erstaunlicher Medienerfolg. Es ist schon bemerkenswert, dass 2.000 Menschen sich für die Mission Mars One registrierten, eine Reise ohne Wiederkehr zum roten Planeten. Darunter viele Familienmütter und -Väter. Alexander Gerst, unser Deutscher in der ISS, hat so viele Sympathiewerte und Fans wie ein Popstar. Und ein unlängst per Crowdsourcing finanzierter Film von Astronauten und Publizisten reanimiert den holistischen Mythos des Space Age (www.weareplanetary.com).

Was ist es, was uns zu diesen interstellaren Träumen zurückkehren lässt? Nach den Gesetzen der Vernunft gilt heute wie damals: Das Geld ließe sich auf der Erde besser ausgeben. Aber genau das ist es ja: Die Probleme der Welt scheinen viel zu verquickt, komplex, verdorben. Weltraumfahrt hat dagegen eine seltsame, kristalline Frische, eine radikale Unschuld und Existenzialität. Im Film „Interstellar“, der nächste Woche in den Kinos anläuft, kehrt das Scifi-Genre von den Cyber-, Alien- und Terminator-Mystiken zu seinen Wurzeln zurück. Heroische Männer und Frauen versuchen, „da draußen“ die Welt zu retten, ein Utopia aufzubauen, eine stellare Welt-Ordnung, in der wieder etwas zählt. Und wo nicht jeder alle paar Sekunde auf sein Social-Media-Handy glotzt, um sich ablenken zu lassen. Das gelobte Land zwischen den Sternen – vielleicht brauchen wir es als eine Art Wirklichkeitsinstanz. Oder um einfach zu wissen, wo wir zu Hause sind.

Erschienen in der Berliner Zeitung, 29.10.2014

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