Als man noch an die Zukunft glaubte

Armut hat weniger mit Mangel an Geld zu tun als mit Isolation, Zugangsproblemen und falschen Anreizen.

Wir neigen dazu, unsere Zukunft zu verspielen, indem wir einer lustvollen Amnesie frönen. Wir fangen in allen Zukunftsfragen immer wieder beim Punkt Null an. Und vergessen ständig, dass wir früher schon einmal klüger waren. Nehmen wir die derzeit wieder aufkochende Armutsdebatte. Sie wird ausschließlich als Empörungsdebatte geführt. Wenn man den bösen Reichen das Geld nimmt und an die Armen verteilt, wäre alles gut. Natürlich wird diese Rechnung niemals aufgehen. Denn wer Armut als reines Umverteilungsproblem sieht, versteht nur Bahnhof.

Erinnern wir uns noch einmal an die 90er-Jahre. In Deutschland stieg die Zahl der Dauerarbeitslosen und Sozialhilfeempfänger massiv an. In jeder Talkshow war vom „Ende der Arbeit“ die Rede, die auch damals schon zahlreichen Untergangs-Experten warnten von 10 Millionen Arbeitslosen im Jahr 2000. Gleichzeitig aber entstand ein neuer Denkansatz in der Sozialpolitik: die Inklusions-Debatte. Armut, so lauteten die Erkenntnisse der klügeren Sozialforschung, hat weniger mit Mangel an Geld zu tun als mit Isolation, Zugangsproblemen, fehlenden Kulturtechniken – und falschen Anreizen.

Reine Geldtransfers züchten regelrecht eine abhängige Unterklasse, in der man vor dem Fernseher verdämmert oder ins kriminelle Milieu abrutscht. Inklusionspolitik bedeutet, dass der Sozialstaat eine aktivierende, vorsorgende Komponente braucht. Wir wussten, dass ein solcher Umbau Zeit brauchen würde. Neue Tools. Schwierige Experimente. Dass man dafür einen Niedriglohnsektor in Kauf nehmen musste, lag auf der Hand: Es ging ja darum, die Einstiegsschwellen in die Erwerbsarbeit zu senken, um den tiefen Graben zwischen Arbeitsplatzbesitzern und Arbeitslosen zuzuschütten. Auch geringer Lohn ist ein guter Anfang.

Die Reformen sind nicht vollendet

Heute haben so viele Menschen wie niemals zuvor ein eigenes Einkommen. Die Reformen haben gewirkt, auch wenn sie nicht vollendet sind. Aber dem inzwischen in jeder öffentlich-rechtlichen Talkshow dominierenden Populismus (man denke nur an die Inthronisierung des Österreichers Stronach bei Sandra Maischberger diese Woche!) geht es nicht um Veränderung. Es ist es völlig egal, wer gerade denunziert wird. Kann sich noch jemand an die Debatten über die arbeitsscheue Unterschicht in den 90ern erinnern? Heute tobt der Shitstorm-Mob gegen „die Reichen“.

Die angebliche Bildungsungerechtigkeit ist in Wahrheit eine Motivationskrise. Auch die Kinder von Ärmeren machen zunehmend Abitur. Sie studieren nur nicht. Warum? Wie kann man das ändern? Auch das Bild mit der „Schere“ ist massiv verkürzt. Die Reichen sind reicher geworden. Aber auch viele Ärmere haben heute mehr Kaufkraft – die Armutsgrenze steigt mit dem Medianeinkommen. Warum aber bleiben Menschen so oft vor ihren Flachbildschirmen, in ihren Regressions-Milieus hocken?

Das fragt zurecht Heinz Buschkowski, der eben KEIN ideologischer Populist ist, sondern ein echt Verzweifelter. Es gibt keine einfachen Antworten darauf. Aber es gibt Wege, die eine Gesellschaft entwickeln kann – in einem kooperativen Lernprozess. Dafür ist auch mehr Umverteilung möglich, weil es dann sinnvoll ist. Früher, als man noch an die Zukunft glaubte, nannte man das „gesellschaftlichen Fortschritt“. Auf dem heutigen Debattenniveau sind jedoch Reiche wie Arme und damit auch alle in der Mitte immer nur Verlierer.

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