Die Nörgelokratie

Es ist immer das gleiche Phänomen: In den USA wurde  vor noch keinem Jahr ein neuer, charismatischer Präsident gewählt, der eine neue Ära einzuleiten schien. Heute fallen und fallen seine Beliebtheitswerte, und die amerikanischen Medien schreiben schon munter von „Obamagate” – ganz egal, ob dieser Begriff irgendwie stimmt oder einfach nur klingt. Bei der Berliner Koalition war man sich medienseits schon nach vier Wochen einig: Chaoshaufen. Mutti Kanzlerin hat versagt. Seither reproduzieren die Mainstream-Medien in trautem Einklang mit der „Volksseele” einen hämisch-zynischen Abgesang nach dem anderen. Man könnte die Regierung heute locker gegen rot-grün eintauschen. Allerdings nur für vier Wochen. Dann geht das Theater wieder in die andere Richtung.

Die hochmedialisierte Demokratie funktioniert offenbar ganz einfach: Wer gewählt wird, wird demnächst abgewählt. Aber nicht nur das: Er wird obendrein verstoßen, verachtet, verhöhnt. Das ist, im Kern, kein politisches Problem, sondern ein psychologisches. Der Narzissmus hat sich als Regulativ des Politischen durchgesetzt. Wir sind enttäuscht, weil wir unentwegt erwarten. Wir wollen Aufschwung, aber nicht zu viel internationale Konkurrenz. Sicherheit, aber keine Militäreinsätze. Neue Schulen, aber nicht  allzu neue. Eine effektive Hochgeschwindigkeits-Bundesbahn, aber bitte in staatlicher Hand, mit freundlichen Beamten. Ein hochtechnisches Gesundheits-System, das uns jederzeit kostenlos homöopathische Kügelchen verschreibt.  Da das alles nicht so leicht ist, blüht der „Austeil-Journalismus” (Weltwoche). Jeder Journalist, oder  derjenige, der sich dafür hält, findet das Land unentwegt von Versagern, Idioten, Deppen, Abzockern und Nieten regiert. Dazu nicken unentwegt die Leserbriefschreiber und Grantelblogger.

Das alles wäre vielleicht nur ein Feuilletionthema, würde die Demokratie westlicher Prägung nicht längst globale Konkurrenz erfahren. Singapur, China, Ruanda, sind Beispiele für höchst effektive „Demokratien von oben”. Mein Zukunftsforscher-Freund John Naisbitt spricht im Falle China forsch von der „vertikalen Demokratie”. Er hält sie, anders als die westliche Medien-Skandalokratie, für effektiv, ja sogar fair. Und in manchen historischen Situationen für nötig. Fatalerweise könnte es sein, dass er recht hat.

Demokratie, will sie Zukunft haben, braucht Geduld, braucht ein gewisses Abstraktionsvermögen, Fairness und Anerkennung derjenigen, die sich im Amt zur Verfügung stellt –  meist mit überdimensionierten Arbeitszeiten und im Vergleich schlechter  Bezahlung. Demokratie ist eben nicht „Ich will haben”, sondern handelt von der Kunst des Delegierens und Vertrauens. Man traut den Gewählten für eine gewisse Zeit die Fähigkeit zu, eine Sprache für  komplexe Probleme zu finden, die wir gemeinsam lösen müssen. Zur Politik gehört die Emanzipation des Bürgers. Wenn im medialen Affenzirkus immer mehr kluge Menschen das Handtuch werfen und sich lieber als Anwälte oder Privatiers betätigen, dann hat die Nögelokratie endgültig gesiegt. Den Nörgelokraten in uns allen ficht das nicht an. Haben wir das nicht schon  immer gewusst, dass das alles dekadente Drückeberger sind?!

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