Der Liebe Luft zum Atmen lassen

Die meisten Menschen teilen den Wunsch nach fester Bindung, ohne sich dabei angebunden fühlen zu wollen. Genau diese Balance verspricht das neue Beziehungsmodell Living Together Apart.

Es war wie eine Offenbarung, dass sich in ihrem Leben etwas ändern musste, als Melissa in einer Galerie sah, was die Künstlerin Cornelia Parker mit Rodins berühmter Statue „Der Kuss“ gemacht hatte: Die beiden Liebenden waren mit einer zwei Kilometer langen Schnur umwickelt, sodass ihre Gesichter verschwanden. Bei diesem Anblick spürte Melissa, wie fundamental ihre Ehe schiefging. „Mir wurde schlagartig die klaustrophobische Natur meiner Liebesbeziehung klar“, erzählt unsere Freundin, „alles schien mir plötzlich nur noch in falsch verschnürter Bindung zu bestehen, die das Atmen schwermacht.

Beziehung ohne Klaustrophobie

Melissa ist inzwischen geschieden. Und lebt heute in einer völlig anderen Art von Beziehung. Als wir ihren neuen Freund Paul zum ersten Mal in Melissas kuscheliger Souterrain-Wohnung in Notting Hill trafen, stellte er sich scherzend als Untermieter vor. Sie leben schon drei Jahre zusammen, wenn man das so nennen kann. Denn wenn Paul sein eigenes kleines Apartment nicht gerade über Airbnb vermietet hat, tritt er konsequent den Rückzug an: „Ich gehe in mein Zuhause“, verkündet er regelmäßig-unregelmäßig – und verschwindet für zwei Tage oder eine Woche.

Living Together Apart

„Ich frage ihn nicht, was er ‚zu Hause‘ tut“, erzählt Melissa heiter über dieses Arrangement. Sie nennt es das „Living Together Apart“-Modell. Im Gegensatz zum Modell „Living Apart Together“ (LAT ), bei dem Paare in zwei getrennten Sphären leben, haben Paul und sie Melissas Wohnung als klaren Haupthaushalt. Aber sie haben eben dazu eigene Räume: Fluchtpunkte, Anders-Orte, Nebennester. Eigentlich ein normales Bedürfnis. Und doch bekommen die wenigsten Paare elegant eine Balance hin. Der Wunsch nach Raum und die dafür nötige Distanz wird oft zum Machtkampf.

Bindung und Freiheit

Dabei brauchen wir dringend neue Bindungsmodelle, die Luft lassen. Melissa und Paul haben beide starke Bindungen an ihre Exfamilien, mit Erziehungsverantwortung für Kinder und mit Netzwerken, auf die sie nicht verzichten wollen. Beide sind „eigen“ in jenem Sinne, dass sie sich zwar verbinden, aber nicht „binden lassen“ wollen. Immer mehr Menschen suchen nach Lebensmodellen jenseits der symbiotischen, fast totalitären Idee von Liebe einerseits und der erschöpfenden Haltlosigkeit der Polyamorie andererseits.

Allein zusammen sein

Ein Paartherapeut erzählte uns neulich, es sei ein Zeichen einer guten Beziehung, dass man gut allein zusammen sein kann. Liebe hat erstaunlicherweise nicht viel damit zu tun, wie viel Zeit man miteinander verbringt. Auch die Frage, ob man verheiratet ist oder nicht, spielt nicht die Hauptrolle. Echte Liebe, wusste schon Erich Fromm, besteht in der Fähigkeit, den anderen loszulassen, ihn nicht ständig einzugemeinden ins eigene Ich, ihn nicht einzupassen an die eigenen Gewohnheiten. Paare, die versuchen, diese Weisheit im Alltag der Liebe zu leben, geben das Glück, das ihr Ich durch den anderen erfährt, weiter. Schon deshalb wird ihre Zahl in Zukunft weiter wachsen.

Januar 2015, erschienen im Magazin emotion

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