Zurück zu den Sternen

Als kleiner, großer Junge fieberte ich mit den coolen amerikanischen Astronauten bei ihrem ersten Schritt auf dem Mond. Weißhaarige Physikprofessoren sprangen in Fernsehstudios mit Pingpongbällen um die Wette, um die Wirkung kosmischer Strahlung zu verdeutlichen. Expertenrunden diskutierten zur besten Sendezeit die Frage nach Leben im Kosmos. Dank Perry Rhodan, dem Space-Superman aus deutscher Sci-Fi-Fertigung, betrat ich im Geiste mindestens 5000 fremde Planeten, einschließlich Begegnungen mit unglaublichen außerirdischen Zivilisationen. Dass die Zukunft „oben” stattfinden würde, stand für mich außer Frage.

Seitdem ist viel passiert. Beziehungsweise nicht passiert. Expertenrunden beschäftigen sich heute rund um die Uhr mit Hartz-IV-Empörungen, Angst vor Islamisierung, unerwünschten Bahnhöfen. Zukunft findet nicht „oben” statt, sondern in den Niederungen verwurstelter Politik und chronischer Zukunftsängste.

Kein Mensch interessiert sich mehr für den Blick von den Sternen. Kein Mensch? Deutet man die Zeichen richtig, könnte bald eine kleine Renaissance des „Oben” stattfinden. In knapp zwei Jahren starten die ersten Sub-Orbitalflüge von Virgin Galactic von einem superchicen Weltraumbahnhof in New Mexiko. Das russische Unternehmen Orbital Technologies hat angekündigt, ein kleines Weltraumhotel – in bewährter russischer Konservendosen-Technik – zu bauen. Das wird die Milliardäre des Silicon Valley nicht ruhen lassen, die heute schon beträchtlich in private Raumfahrt investieren. Und neulich haben die Chinesen angekündigt, zum Mond zu fliegen – in zwanzig Jahren auch bemannt. Was die Chinesen ankündigen, halten sie im Allgemeinen auch. Bei Wachstumsraten von acht Prozent und 1,3 Milliarden Menschen ist der Weltraum ziemlich nahe.

Auch die Weltraumforschung macht wieder von sich reden. Soeben haben wir den ersten prinzipiell bewohnbaren Planeten nachgewiesen bekommen – Gliese 581g. 20 Lichtjahre entfernt kreist ein Himmelskörper, auf dem Leben theoretisch möglich ist, um eine rote Sonne. Tausende solcher Entdeckungen werden in den nächsten Jahren folgen – mit Sicherheit werden auch tatsächlich erdähnliche Himmelskörper entdeckt. Das nützt uns wenig, lässt aber eine uralte existenzielle Frage wieder an die Tür klopfen: Sind wir allein im Universum? Haben wir als „Menschheit” so etwas wie eine Aufgabe, früher hatte man gesagt „Mission”?

Man sollte nicht vergessen, dass das „Space Race” der 60er-Jahre ein (Neben-) Produkt des Kalten Krieges war. Deshalb wird das Weltraum-Comeback womöglich eher durch eine neue Systemkonkurrenz der aufsteigenden und etablierten Wirtschaftsmächte entstehen als durch wissenschaftlichen Überschwang. Darüber hinaus bleibt die Raumfahrt eine schwer auszurottende menschliche Metapher. Für unsere Sehnsucht nach dem Anderen, dem Fernen, dem Unmöglichen. Für unsere Fähigkeit, uns selbst aus einer anderen Perspektive zu sehen. Für unsere Möglichkeit zur Kooperation über alle Kulturschranken hinweg. Für eine hoffnungslos dissidente, derzeit gerade unmögliche Haltung zu den brennenden Fragen der Zeit – die zum Beispiel bei der Frage, ob wir eine christliche oder jüdische oder in Teilen auch muslimische Kultur sein wollen/dürfen, einfach nur Bahnhof versteht.

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