Willkommen in Hippie-Deutschland!

Jetzt heißt es wieder, Europa sei am Ende. Doch vielleicht ist Europa nur, wie unsere Hippie-Wohngemein-schaften in den 70er-Jahren waren. Man stritt sich eigentlich immer. Um alles. Aber man liebte sich trotzdem.

Vor einer Woche prägte der britische Politikwissenschaftler Anthony Glees im Deutschlandfunk das geflügelte Wort vom „Hippiestaat Deutschland“.

Flüchtlinge

© By Eweht (Own work), via Wikimedia Commons

Als Post-Ex-Alt-Hippie stellte ich mir sofort die Frage, ob wir etwa nach all den Jahren, (und trotz schwindendem Haupthaar), am Ende doch gewonnen haben? Was ist passiert? Die Deutschen handeln und denken plötzlich jenseits des gewohnten Musters. Sie stellen sich an Bahnhöfe oder den Straßenrand und winken. Sie kramen Essen und Möbel hervor und geben sie den Flüchtlingen. Sie sehen plötzlich, dass Probleme Lösungen sein können. Sie provozieren durch Zuversicht. Das widerspricht nicht, wie Glees behauptet, den Regeln Europas, sondern eher dem deutschen Algorithmus selbst.

Seit Jahrzehnten regieren wir auf jede Veränderung mit apokalyptischen Visionen. Wie viele Weltuntergänge haben wir eigentlich schon hinter uns? In den 70ern und 80ern den Atomtod, das Sterben aller Bäume und Singvögel, die Rohstoffkrise. Es folgten Massenarbeitslosigkeit, Gesundheitsnotstand, Verarmung, Untergang des Weltwirtschaftssystems, das sichere Ende des Euros; dazwischen Sars, Rinderwahn, Ekelfleisch, Ebola vor den Toren, Wertezerfall und Bildungskatastrophe. Und der Dauerbrenner „demografische Katastrophe“ mit den lukrativen Filialen Rentenverarmung, Pflegenotstand und Generationenkrieg.

All dieses Angstgeklapper ist nicht ohne Folgen geblieben. So gut wie jede Zukunftsfrage lautet: Aber müssen wir nicht Angst haben? Natürlich „müssen“ wir Angst haben, die Evolution hat uns zu Gefahren-Empfindlichen gemacht. Aber muss Angst zur Leitkultur werden? So wurden Sarrazin und Pegida regelrecht gezüchtet. Die „besorgten Bürger“ lassen inzwischen in Springerstiefeln grüßen.

Irgendwann waren wir angetreten, der Angstwelt ein bisschen Love and Peace entgegenzusetzen. You can’t always get what you want! – so haben wir Hippies uns zurückgezogen, unsere melancholische Musik gepflegt, ab und zu Räucherstäbchen angezündet. In den Talkshows tobte der Weltuntergang. Aber seltsam. Klammheimlich, hinter dem Angst-Vorhang, veränderte sich die Welt. Die Politik vertrat plötzlich Wassermann-Themen. Grünes Gedankengut setzte sich bis zu Nachbar Müller durch. Eine respektable Energiewende kam. Plötzlich wurden die Schwulen, unsere alten Blumen-Freunde, von ihrem Stigma (weitgehend) befreit. Im tieferen Ton der Gesellschaft veränderte sich unüberhörbar etwas in Richtung Toleranz, Offenheit.

Jetzt heißt es wieder, Europa sei am Ende. Wegen der Flüchtlinge. Aber vielleicht ist Europa nur, wie unsere Hippie-Wohngemeinschaften in den 70er-Jahren waren. Man stritt sich eigentlich immer. Um Banales, wie die blöde Angewohnheit von Harald, im Stehen zu pinkeln, oder Uschis Tricksereien mit der Haushaltskasse. Aber man liebte sich trotzdem. Leute zogen ein und aus, man diskutierte die Nacht hindurch und ließ den Abwasch stehen. Dazu spielte Bob Marley „You can get it if you really want!“. Wir lernten, mit dem Chaos der anarchischen Zuneigung umzugehen. Menschen mögen sich manchmal über alle Grenzen hinweg. Über einen seltsamen Umweg lassen uns die Flüchtlinge in unserem eigenen Land ankommen. Stecken wir uns eine Blume ins Resthaar!

Erschienen am 17.09.2015 in der Berliner Zeitung

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