Wie Katastrophen die Gesellschaft verändern

Erdbeben, Schiffsunglücke und andere Havarien sind meist schreckliche Heimsuchungen des Menschen. Nicht selten aber sind sie auch Auslöser von gesellschaftlichen Veränderungen.

In manchmal unerträglicher Weise hat das Elend der Welt eine andere Seite. Dies sieht man vor allem an jenen Katastrophen, die uns immer wieder „heimsuchen“ – als ob es für das Schreckliche eine Art Heimatrecht gäbe. Ob menschen- oder naturgemacht: Manche Desaster können einen paradoxen Effekt haben und die Dinge in Richtung auf eine bessere Zukunft wenden.

Die Toten des Bergwerkunglücks von Soma in der Türkei stellen die Frage, wer verantwortlich ist. Autorität und Ignoranz werden in Frage gestellt. Das Fährunglück in Südkorea enthüllte jene buckelnde Schlamperei, in der Konformitäts-Hierarchien sich immer nur um sich selbst kümmern. Solche Unglücke können Institutionen modernisieren, Denkweisen verändern, sogar Regime stürzen; sie erzwingen bessere gesellschaftliche Kooperationsmodelle. In Deutschland trug das Grubenunglück von Lengede (1963) zu Verbesserungen in den Tunneln der alten Industriegesellschaft bei. Das größte Flugzeugunglück der Geschichte, der Zusammenstoß zweier Jumbojets auf Teneriffa im Jahr 1977, führte erst zu jenen Kommunikations- und Redundanz-Standards, die heute den Flugverkehr so erstaunlich sicher machen.

Bewachte, also kollektiv und emotional wahrgenommene Katastrophen bilden eine mythologische Erzählung im kollektiven Bewusstsein. Sie handeln von Heldentum, Wiederaufstieg, Lernen. Solche Mythen stellen auf radikale Weise die System- und die Sinnfrage. Das Tschernobyl-Desaster beendete im Grunde die Sowjetunion. Das Erdbeben von Lissabon im Jahre 1755 befeuerte die Geister der Aufklärung: Wenn Gott so etwas zuließe, sei es an der Zeit, das Primat seiner Gesetze in Frage zu stellen.

„Wir lernen nur durch das Schlimmste“

Der Terror der Boko Haram in Nigeria zeigt die Schwäche des nigerianischen Staates, könnte aber auch zu einem Wandel beitragen. Chinas Erdbeben der letzten Jahre brachten Mobilisierungen einer Zivilgesellschaft hervor, die es vorher so nicht gab. Der Tsunami von 2004 brachte Asien nicht nur weltweite Solidarität, er beendete auch einen Bürgerkrieg und führte zu Wohlstandsschüben in einigen Ländern. So formen sich Nationen, Institutionen und Kooperationen durch Verarbeitung von Bedrohungen.

Man kann sich daraus auch eine fatalistische Welthaltung basteln. Wir lernen nur durch das Schlimmste. Nach dem Historiker Ian Morris führen Kriege zu höheren Ordnungen, die die Welt langfristig friedlicher machen. Sind wir heutigen Deutschen nicht alle Nutznießer des schrecklichsten Schlachtens der Geschichte, des Zweiten Weltkrieges, einer Katharsis, die uns zumindest in Europa Frieden und Prosperität brachte?

Nach den neuesten französischen Intellektuellen-Weisheiten sind große Kriege sogar regelrechte Umverteilungsmaschinen, die soziale Gleichheit herstellen. Der Schwarze-Schwan-Erfinder Nicholas Taleb hingegen spricht in seinem Buch „Antifragilität“ davon, was Menschen, Kulturen, Zivilisationen erringen können, indem sie den bewussten Umgang mit Unsicherheit praktizieren, Fehler und Störungen an- und wahrzunehmen, bevor sie fatal werden. Achtsamkeit und Vorausschau zu üben, ist das Geheimnis der Zukunft. Und der Kern jener Hoffnung auf eine Welt ohne Opfer, die wir als verletzliche Spezies auf einem schönen blauen Planeten unentwegt üben müssen.

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