Welt des Meinens und Greinens

Das Netz verhieß früher einmal eine neue Streitkultur, doch stattdessen entstand Warteraum aus Narzissmus und Langeweile. Zu Recht haben etliche Sites die Kommentarfunktion abgeschafft.

Seit Jahren lese ich keine Kommentare im Internet mehr, jene endlosen Anhänge, in denen 123Kaninchen oder Betriebsbehinderung4 oder Demiurg 777 oder Egon@wut seinen Senf zur Weltgeschichte gibt. Meist in Kleinschrift und jenem Du-ich-sachs-dir-mal-Tonfall, der irgendwo zwischen Populismus, Arroganz und Besserwisserei changiert. Besonders zahlreich zu finden unter Themen mit Stichworten wie „Russland“, „Sex“ oder „Merkel“ (467 Einträge).

Diese Aussage übers Nicht-Kommentarelesen war leider eine Lüge. Ein Selbstbetrug. IMMER WIEDER ertappe ich mich dabei, die Kommentare unter Texten von Autoren zu lesen, an deren Texten mir etwas liegt. Und jedes Mal leide ich.

Eine der wunderbarsten Verheißungen des Netzes war sein Versprechen zum Austausch von Ideen und Meinungen ohne übergeordnete Instanz. Debatte, Meinung, Diskurs: Gesellschaftliche Zukunft entsteht vor allem dadurch, dass im Meinungsstreit immer neue geistige Differenzierungen wachsen. Popper und Adorno lassen grüßen: Ich bin aufgewachsen in den Universitäts-Hörsälen der 70er, wo es auch schon jene Zwischenrufer gab, die sich dann aber bisweilen als brillante Rhetoriker hervortaten, wenn man sie auf die Bühne holte. Oder eben sofort weggebuht wurden.

Das war ungerecht, aber auf seltsame Weise produktiv. Ich bin geprägt von Talkshows, in denen es heiß herging, aber man den argumentativen „Feind“ nicht nur achtete, sondern ihn suchte – als Denk-Partner, der einen durch Zweifel selbst schlauer machte. Das Netz verhieß genau diese Streitkultur auf eine neue, breitere, demokratischere Ebene zu heben: eine Agora des digitalen Geistes.

Es war eine verdammte Illusion. „Das Zeitalter des Bullshits“ nannte Sibylle Berg in ihrer Spiegel-Kolumne die heutige Welt des Meinens und Greinens, des permanent gärenden Shitstorms, in dem jeder ein gefühlter Experte für alles ist und keiner eine Ahnung hat. In diesem Warteraum aus Narzissmus und Langeweile geht es nicht um Ideen, um Widerspruch und Zweifel. Es geht um Aufmerksamkeitsterrorismus. Um Negativität, Hohn und Niedermachen. Ideen oder neue Denkweisen werden auf diese Weise zerstört, bevor sie überhaupt die Wahrnehmungsschwelle erreichen. Wo das Medium zur Message seiner Ich-Protagonisten wird, wo jede Meinung nur noch gefühlt daherkommt, verkommt der Raum der öffentlichen Meinung zur Müllkippe.

Vielleicht liegt es auch daran, dass niemand mehr von der Bühne gepfiffen wird. Nun hat die Süddeutsche Zeitung als erste deutsche Medienplattform eine Konsequenz gezogen. Sie schiebt die Kommentare ins digitale Nirwana ab, zu Facebook oder Twitter. Stattdessen organisiert die Redaktion Debatten zu aktuellen Themen und übt darin – so soll es zumindest sein – die Tugenden von Moderation, Kuration, Disziplinierung aus. Damit werden auch jene gewürdigt, die im Netz tatsächlich Kluges und Differenziertes zu sagen haben – natürlich gibt es die! Gut so. Höchste Zeit. Amerikanische Zeitschriften, vor allem im wissenschaftlichen Bereich, haben entnervt längst ihre Kommentarspalten abgeschafft. Endlich.

Und nun beschimpft mich nur, ihr Nerd66 und Kaffee@home und Kretin66. Ich schau’s gar nicht erst an. Ehrlich!

Erschienen in der Berliner Zeitung am 03. September 2014

1 comment for “Welt des Meinens und Greinens

  1. 12/09/2014 at 11:28

    Wozu gibt es überhaupt Kommentarspalten? Ganz einfach: Artikel, die viel kommentiert werden, werden auch besonders häufig angeklickt – und je mehr Klicks, desto höhere Preise können die Betreiber der Onlineportale für Bannerwerbung verlangen. Und weil der rechtspopulistische bis rechtsextreme Teil des „Kommentariats“ besonders eifrig kommentiert (frustrierte Frührentner mit zuviel Zeit?), werden seitens der Online-Redaktionen die Artikel hinsichtlich ihrer Aufmachung gerne auf diese Zielgruppe hin lanciert – das führt dann zu solchen absurden Stilblüten wie „Viele Planeten haben einen Migrationshintergrund“, vor einiger Zeit in der Wissenschafts-Rubrik von Welt Online. Dazu muss dem rechten Netzpöbel nicht einmal explizit nach dem Mund geredet werden – mit wütenden Protestreaktionen lassen sich genauso gut die begehrten Klicks generieren.

    Auch beliebt: Teaser, hinter denen man ihrem Wortlaut nach umfassende, fundierte Essays (z. B. in „Spiegel“-Tradition) vermutet – und nach dem Anklicken findet man dürre Drei-Absatz-Artikelchen, in den der eingangs vorgestellte Gedanke gerade eben einmal angerissen wird. Artikel in Online-Zeitungsportalen können fast beliebig oberflächlich, konfus, lieblos hingehuddelt und voller Tippfehler sein, volles Haus in der Kommentarspalte ist garantiert, und das ist das einzige, was zählt. Journalismus? Fehlanzeige! Ein großer Teil des sogenannten Online-Journalismus besteht bei näherem Hinsehen aus Klickbaits und Trollfütterungen.

    Allerdings frage ich mich, ob es sich für die Auftraggeber der Bannerwerbung auf die Dauer wirklich lohnt, ausgerechnet in Onlinezeitungen zu werben – irgendwie kann ich mir nicht vorstellen, dass verdruckst-dauerfrustrierte Sarrazin-hat-Recht-Gröler tatsächlich die bevorzugte Zielgruppe für Designerparfüms, 7er-BMWs und Wellnesswochenenden in Südtirol sind…

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