Was kommt nach dem Burnout?

Matthias Horx über die Rettung der Zivilisationskrankheiten:
Sinnstress ist der neue Burnout

Burnout

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Vor Kurzem haben die Krankenkassen einen deutlichen Rückgang des Burnout-Syndroms registriert. Das ist eine schlechte Botschaft. Denn was soll nun aus all den Talkshows werden, in denen die strenge Anne Will oder der gnadenlose Mister Plasberg die Experten bohrend befragte, ob wir uns alle im Spätkapitalismus „nicht“ in eine nervlich zerrüttete, von Prekarisierung gefolterte Horde von Zombies verwandeln? (Die Antworten waren inklusive. Und die Einschaltquoten erstaunlich hoch).

Allerdings ist durchaus ein Ersatz für diese Modekrankheit, die gleichzeitig eine Art modernes Adelsprädikat darstellte, in Sicht. Der Soziologe Heinz Bude hat den Begriff „Sinnstress“ in die Debatte eingeführt, unter dem im Spätkapitalismus besonders die Jungen, die Generation Y, „zunehmend“ leiden: „Wer bei allem, was einem wichtig ist, eine Resonanz in sich selbst sucht, ist in Gefahr, an sich selbst zu verzweifeln“.

Sinnstress, das ist es! Immer wenn ich eine Zeitung aufschlage oder ins Internet gehe, ereilt mich eine intensive Sinnstress-Attacke. David Cronenberg, der Horrorfilm-Autor, schildert in seinem neuen Buch die fiktive Zukunfts-Welt eines Online-Echtzeit-Journalismus, in der nur noch die subjektive Erfahrung als Wirklichkeit dient, und Erregung die einzige gehandelte Ware darstellt. Die Realität hat sich in ein virtuelles Erlebnisparadies verwandelt.

In „The Zero Theorem“ versucht ein genialischer, schräger Wissenschaftler und Computerspezialist (Christoph Walz), endlich die Sinnfrage zu lösen. Er steht ganz sichtlich unter Stress. Der Film ist hektisch und irr, hat aber bereits Kultstatus. Denn, wie es der Ober-Bösewicht im Film formuliert: „Was ist schon der Sinn für irgendwas?“

Sinnstress also. Das Schöne an dieser Krankheit ist, dass sie niemals geheilt werden kann. Sinn ist die wahrscheinlich knappste Ressource der Welt, noch viel knapper als die seltenen Erden, die die Chinesen gebunkert haben. Gleichzeitig wird Sinn in großen Eimern an jeder Straßenecke feilgeboten, von vermummten Gestalten mit schwarzen Fahnen ebenso wie von seriösen Experten für den Klimawandel oder den kommenden Finanzcrash. Ich bin dafür, Sinnstress als neue Krankheit, ja als Zivilisationsproblem sui generis anzuerkennen. Und sowohl Untersuchungskommissionen als auch
nachhaltige Therapiezentren einzurichten.

Morgen werde ich bei meiner Kasse Antrag auf Sinnstress-Krankengeld stellen. Und höchste Zeit, dass das öffentlich-rechtliche Fernsehen, für das wir schließlich Gebühren zahlen, sich endlich dieses wahrhaft brennenden Themas annimmt: Schluss mit dem blöden Kriegs-Rentner-Terror-Konflikt-Gequatsche. Wichtig ist doch, dass in diesem Sommer Millionen Jugendliche, aber auch Alte, Frauen und Erwachsene, unter schrecklichen Sinnresonanzen leiden. Wer kümmert sich denn bitteschön darum?

Erschienen im Juni 2015 im trend update

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