Warum sich der Richtige nicht finden lässt

Das Glück muss maßgeschneidert sein. Das suggerieren die Online-Partnerbörsen mit ihren Matching-Kriterien. Doch was passiert, wenn man behauptet, zwei seien wie füreinander geschaffen – selbst wenn die Matching-Points was ganz anderes sagen?

Wie werden wir in Zukunft unsere Lebenspartner wählen? Nach gefühlt drei Millionen Ratgebern und zwanzig Jahren Internet sollten wir es eigentlich wissen. Tatsächlich lohnt der Blick zurück: Wie war das früher? Junge Frauen und Männer fühlten sich von jemand angezogen. Es begann auf Festen, an öffentlichen Orten wie der Piazza in Italien, bei Freunden, in der Uni. Dann begann das komplizierte Vortasten. Das Ja-Vielleicht, das Bis-Hierhin oder das Bis-Hierhin-und-dann-weiter. Diesem komplexen, aber zielführenden Eiertanz verdanken wir die Existenz unserer Spezies.

Doch dann kam das Internet. Und mit ihm die Idee vom „Richtigen”. Die Partnerbörsen suggerieren, dass die Partnerwahl „ganz einfach und rational” ist. Dabei erweist sie sich als hyperkomplex. Im vernetzten Zeitalter kann man – theoretisch – aus Millionen potenzieller Partner wählen. Das verändert alles: Man denkt die Liebe nun vom Ergebnis her – von etwas, was im Moment des Kennenlernens eigentlich noch Zukunft ist. Doch die kann sich dann nie in der Gegenwart beweisen, denn immer noch gäbe es ein besseres Ranking, einen höheren Score. Liebe wird zum Risiko. Beziehungsweise zur panischen Vermeidung jeden Risikos. Man setzt auf Nummer sicher – auf jemanden, der alle Wünsche vorab vereint: Prinz, Prinzessin, Freund, Seelenversteher, Luder – was immer auf die Liste passt.

Dazu gab es jüngst einige Experimente. Bei OkCupid, der größten US-Partnersuchseite, hat man 1000 Profilen die Fotos „gestohlen”. Sofort wurden die Chats intensiver – als man die Fotos wieder einstellte, brach ein großer Teil der Flirts einfach ab. Dann machte man die Texte, mit denen sich die Suchenden selbst beschrieben, unsichtbar. Das hatte so gut wie keinen Effekt. Schließlich suggerierte man Paaren, die sich nach dem Matching-Profil überhaupt nicht füreinander eigneten, sie verfügten über sagenhafte Matching-Points. Prompt fingen sie an, sich auszutauschen, als wären sie füreinander geschaffen – und entdeckten lauter Gemeinsamkeiten.

Die tröstliche Wahrheit: Es gibt den Richtigen nicht. Wir formen ihn uns allenfalls – durch Zeit, Geduld und Klugheit. Liebesglück ist ein Prozess der Co-Evolution. Dabei helfen Hormone, Geruch und Lachen, Stimme, Zweifeln, geteilte Erfahrungen und bewältigte Krisen. Liebe heißt, sich selbst verändern zu wollen – zugunsten des anderen. Liebe durch feste Kriterien finden zu wollen, muß scheitern. Das kann heilsam sein. Manche Internetsuchende finden die Liebe gerade dann, wenn sie wieder offline gehen. Love by Verzweiflung.

Und was bedeutet das für die Zukunft der Partnersuche? Wir vermuten, der Weg wird sich teilen: Bei den einen setzt sich auch in der Liebe der „Bio”-Trend durch. Man heiratet wieder bewußt zum Kinderkriegen. Ein Modell, an dem die Evolution zwei Millionen Jahre gearbeitet hat. Dabei können sich Männer und Frauen heute auf Augenhöhe begegnen. So kommt es zu einer Renaissance der Kleinfamilie, die glücklicher, offener und scheidungsresistenter wird. Die andere Hälfte der Menschheit geht den „japanischen” Weg: Liebe wird zum Freizeit-Sex, zum virtuellen Selfie-Fetischraum, in dem alles möglich ist, aber nichts mehr zählt. Auch das ist, auf einer anderen Ebene, völlig okay.

Erschienen im November 2014 im Magazin emotion

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