Von LOHAS und MALOS

Vor einigen Jahren machte der Kürzel-Begriff LOHAS die Runde: Abgeleitet vom englischen „Lifestyle of Health and Sustainability” wurden damit die aufsteigenden städtischen Bildungs-Mittelschichten bezeichnet, die ihre Kinder gerne auf alternative Schulmodelle schicken, und aus ihrer Sorge um die Zukunft des Planeten Konsequenzen ziehen wollen – auch in Kauf- und Alltagsverhalten.

In den letzten Monaten wurde eine neue Gruppe sichtbar, die eine Art Gegenentwurf zu den Lohas bildet. Man könnte sie als MALOS bezeichnen: Male Affluent Loosers of Security. Männliche Status-Angstverlierer.

Man begegnet dieser Gruppe überall dort, wo in den letzten Monaten die grossen gesellschaftlichen Debatten tobten. In den Talkshows, auf den Leserbriefseiten der Zeitungen, in allen Blogs, in denen die Reizworte „Islam” oder „Erziehung” oder „Frauenquote” vorkommen. Dort vergießen sie Kübel von Polemik „ aber mit erstaunlich gebildeten Worten.

MALOS sind keineswegs Verlierer. Ihr Einkommen und Bildungsniveau liegt über dem Durchschnitt. Aber sie fühlen sich so, als ob ihnen ständig etwas entgleitet. Die Kinder machen nicht mehr das, was sie sollen (sollten wir da nicht von den chinesischen Erziehungs-Methoden lernen?). Die Frauen verwirren sich in männlichen Verhaltensweisen, statt sich um das zu kümmern, was ihnen eigentlich Freude und Bestimmung bringt: Familie. Nichts ist mehr, wie es früher war. Oder eigentlich sein sollte.

Im MALO-Dasein verbindet sich die ständig in den Medien wiederholte Wertezerfall- und Apokalypsevermutung mit dem subjektiven Verlust der kulturellen Deutungsmacht. Der Malo ist keineswegs rechts. Gott bewahre! Es geht um Anstand, um Moral, um Haltungen. Obwohl er gebildet genug wäre, zu verstehen, wie Thilo Sarrazin sich die Welt in Zahlen zurechtgebogen hat, wird er auf jedem abendlichen Essen sagen: „Aber Sarrazin hat ja am Ende DOCH recht!”. Begründen wird es das zur Not mit dem Argument, dass es ja „Zeitgeist” sei, gegenSarrazin zu sein. Der Malo ist ein umgedrehter Opportunist, ein Rebell ohne coming out.

Man darf die MALOS nicht mit dem „Wutbürger” verwechseln. Die Empörung des Wutbürgers stammt aus der reichlich pauschalen Empörung gegen „die da oben”. Der Wutbürger lässt seinen Zorn ungefiltert heraus. Der MALO kocht dagegen an seinem Schreibtisch. Der Wutbürger will zeigen, dass er dagegen ist – auch auf die Gefahr hin, sich lächerlich zu machen. Der MALO will oben dazugehören. Aber er hat das Gefühl , dass er das auf Dauer nicht schafft. Dass ihm unentwegt die Kontrolle entgleitet.

Knapp 70 Prozent von Sarrazins Lesern, so zeigt eine entsprechende Studie, sind männlich. Sie sind eher überdurchschnittlich ehrgeizig, aber gleichzeitig sehr ordnungs- und sicherheitsbetont. Sie reisen nicht so gerne, vor allem nicht fern. Sie sind häuslich, risikoscheu, und geben in der Mehrheit an, dass sie das „Lustprinzip” nicht mögen.

Ich fürchte, über unsere gesellschaftliche Zukunft entscheiden weniger die LOHAS als die MALOS. Das war, auf fatale Weise, besonders in Deutschland schon immer so: Die verdrängten und verdrucksten Ängste machen die eigentliche Politik. Die Verklemmungen derer, denen der Mut zur jener Selbstveränderung fehlt, die die Zukunft braucht, verhindern die Zukunft.

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