Über die skurril fortschrittliche Lebensweise der Isländer

Daniela Lupp
Diesen Artikel verfasste unser großer Island-Fan Daniela Lupp aus dem Büro in Wien. Auf dem Bild sieht man sie vor dem Rathaus in Reykjavík.

Gastkommentar von Daniela Lupp

„Island ist ein Land, das es eigentlich nicht geben dürfte, besiedelt von einem Volk, das längst hätte evakuiert werden sollen. Und ein Land der gelebten Unmöglichkeiten ist Island auch bis heute geblieben“, schreibt Kristof Magnusson in seinem Buch „Gebrauchsanweisung für Island“. Er spielt dabei auf die schwierigen Umweltbedingungen an, die aber offenbar einem sehr kleinen Teil der Weltbevölkerung, und zwar etwa 330.000, nicht nur nichts anhaben können, sondern die Isländer zu Individualisten gemacht hat, die sich unter anderem durch ihren Fleiß, ihren Ideenreichtum und ihre skurrile Lebensweise von anderen abzuheben scheinen.

Besucht man diese Insel, darf man nicht weltfremde Einsiedlercharaktere erwarten. So gut wie jeder kann hier Englisch und bereist gerne andere Länder, um die dortigen Gepflogenheiten kennenzulernen. Das Gelernte nehmen sie dann mit nach Hause, sortieren das Brauchbare aus und entwickeln so neue Ideen.

Die Einwohner betrachten ihr Land als den liebenswerten und bescheidenen Mittelpunkt der Erde (Jules Vernes Reise begann tatsächlich hier). Zeigt man allerdings ein klein wenig mehr als das übliche Touristen-Interesse, zum Beispiel, in dem man ein paar Worte der wunderbar exotischen isländischen Sprache stottert, bekommt man auf einmal eine freudig natürliche Herzlichkeit zu spüren und öffnet damit eine Tür, die es einem als Außenstehenden ebenfalls möglich macht, von der Fortschrittlichkeit dieses Volkes zu lernen.

Zahlreiche skurrile Beispiele lassen sich in Island finden, ohne dass man lange danach suchen müsste, wie zum Beispiel ein privat eröffnetes Kaffeehaus, das seine Getränke einfach aus dem Fenster eines Wohnhauses reicht und die dafür gegebenen Spenden für einen guten Zweck verwendet. Das ist wahrscheinlich der einzige Kaffee Islands, der nicht mit Kreditkarte bezahlt wird, denn in einem Land, in dem 1.000 Kronen ca. € 6 wert sind, kann alles mit Plastik bezahlt werden – sogar die WC-Benützungsgebühr.

Auch das isländische Telefonbuch ist einzigartig, da es nicht nur nach Vornamen sortiert ist, sondern mit den eingetragenen Berufsbezeichnungen mehr als offen umgeht. So kommt es, dass es hier Ninjas, Vampire, Löwenbändiger und einen Pinguinmeister, eine Meerjungfrau und mehrere Schlümpfe gibt.

Bei jedem Wetter wird leidenschaftlich gern gegrillt und Eis gegessen. Bier war zwischen 1915 und 1989 (!) verboten, während alle Schnapssorten bedenkenlos getrunken werden durften. Und was ist das wichtigste Familienfest des Jahres? Natürlich – die Gay Pride Parade, bei der auch Großeltern und Enkelkinder mitdürfen und vorurteilsfrei mit den hübschen Drag Queens mit marschieren. „In Sachen Gleichstellung von Homosexuellen gehört Island wahrscheinlich zur Weltspitze“, meint Reykjavíks ehemaliger Bürgermeister, Jón Gnarr, in seiner Autobiographie.

Das in Island naturgegeben reichlich vorhandene heiße Wasser wird für die zu jeder Jahreszeit beliebten Freibäder verwendet und um Obst und Gemüse, das hier aufgrund der Wetterverhältnisse eigentlich nicht gedeihen kann, in Gewächshäusern, sogar in eigens gekühlter Form, aufzuziehen. Im Winter wird so manche von Reykjavíks Straßen beheizt und im Sommer eine kleine Bucht, die das Meerwasser angenehm wärmt und badetauglich macht.

Dieses Land, das für seine Krimis weltbekannt ist, hat tatsächlich so wenig Kriminalität, dass die Polizei nicht nur keine Waffen trägt, sondern auch noch ausreichend Zeit hat, um ein eigenes Instagram zu betreiben, auf dem zahlreiche Fotos und Videos zu sehen sind, wie die isländischen Beamten Enten füttern, Skateboard fahren, mit Kindern einen Radausflug unternehmen oder Grimassen schneiden. Auch gibt es auf dieser Insel der Seligen keine Armee und es wurde auch nie eine gebraucht, denn Island blickt zurück auf eine sehr lange Geschichte der friedlichen Konfliktlösung.

Berühmt ist auch der isländische Fleiß. Es ist keine Seltenheit, wenn jemand drei Jobs gleichzeitig hat und weit über das Pensionsalter hinaus noch nicht ans Ausruhen denkt. Das Schulsystem wird zwar ebenso als überholungsbedürftig betrachtet wie anderswo, doch fügen sich die Jugendlichen hier nicht einfach, sondern stellen ihre eigenen Projekte auf die Beine. Die beachtliche Kreativität des isländischen Volkes macht sich bereits bei den Schülern bemerkbar, die Theater-AGs gründen, dazu Lehrer und Regisseur einstellen, sich selbständig um die Musik, das Bühnenbild und die Kostüme kümmern und Stücke der klassischen Literatur in einem richtigen Theater aufführen.

Auch in politischer Hinsicht kann uns dieser kleine Flecken Erde als Vorbild dienen. Bereits 1980 wurde hier eine Frau zur Staatspräsidentin gewählt – sogar als die erste weltweit. Und das, obwohl Vigdís Finnbogadóttir anfangs von der Idee einer Kandidatur gar nicht begeistert war, sich aber vom Volk überreden ließ. Vielleicht war sie deshalb so beliebt, weil sie 1975 am großen Frauenstreik teilgenommen hatte. „Fabriken schlossen, weil zu viele Arbeiterinnen fehlten, Banken schlossen, weil niemand an den Schaltern saß, Läden schlossen, weil die Verkäuferinnen nicht kamen, genauso wie Restaurants, weil es niemanden gab, der das Essen servierte“, erzählt sie der deutschen Journalistin Andrea Walter. „Besonders lustig war es im Radio, da hörte man im Hintergrund Kinder schreien, weil die Moderatoren sie mit zur Arbeit nehmen mussten – denn die Kindergärtnerinnen streikten ja auch. Plötzlich zeigte sich, wie wichtig die Frauen in Island waren und dass es ohne uns nicht ging.“

2009, kurz nach Ausbruch der Krise, kam es nicht nur zu einem erheblichen Linksruck in der isländischen Politik, sondern es wurde tatsächlich eine lesbische Ministerpräsidentin gewählt. Und 2010, sofort nach Freigabe der Homoehe in Island, gab Jóhanna Sigurðardóttier, damals Ende Sechzig, ihrer langjährigen Partnerin das Ja-Wort.

Jon GnarrFoto: Alfred Schön

Jón Gnarr bei seinem Wien-Aufenthalt im September 2014

Im gleichen Jahr zieht in der Hauptstadt der wohl denkbar schrägste Bürgermeister in das Rathaus ein. Der beliebte Komiker, Jón Gnarr, hatte eines Tages einfach die Idee zu kandidieren.
„Wir haben gar kein eigenes Parteiprogramm. Aber immerhin tun wir so, als ob wir eines hätten“, schreibt er zum Start der Website seiner Partei „Besti Flokkurinn“ (übersetzt: Beste Partei). Das war nicht ganz richtig, denn die Wahlversprechen beinhalteten wichtige Themen, wie der gratis Eintritt inklusive Handtuch für jeden Isländer in einem öffentlichen Bad. Er versicherte auch, „jegliche Art von Korruption zu bekämpfen – indem wir sie öffentlich und vor aller Augen betreiben.“ Und die Beste Partei könne mehr Kostenbefreiungen versprechen als jede andere Partei – „weil wir erst gar nicht versuchen werden, uns daran zu halten!“ Fühlten sich die Wähler von diesen Zusicherungen angesprochen oder möglicherweise bedingt durch die Krisenzeiten eher von diesen Worten?: „Wir sind immer frisch gewaschen und korrekt gekleidet. Wir sind immer fröhlich und vergnügt und haben stets ein Lächeln auf den Lippen. Denk immer daran, dass wir die Besten sind!“ Tatsache ist, dass die Spaßpartei gewann, was bei dem Jux ursprünglich nicht einkalkuliert war, doch nahm Jón sein Amt deshalb nicht weniger ernst.

In diesem abgelegenen Land der skurrilen Lebensweise wird viel gelacht, wenig gejammert und schon gar nicht vorausgeplant. Man liebt Kunst und verrückte Einfälle. Und Problemen begegnet man mit dem Motto „Þetta reddast“ (sinngemäß: Das wird schon gutgehen) und so ist es möglich, hier jede Krise nicht allzu ernst zu nehmen und sie dadurch mit einer charmanten Leichtigkeit und kreativen Ideen zu überwinden.

Andrea Walter formuliert es in ihrem Buch so: „Ich kannte kein anderes Land, das den Spagat zwischen Ursprünglichkeit und Fortschritt, Intuition und Bildung, Individualismus und Zusammenhalt, Verwegenheit und Charme so gut hinbekommen hatte wie diese Insel im Nordatlantik“.

Quellen:

  • Gnarr, Jón. Hören Sie gut zu und wiederholen Sie: Wie ich einmal Bürgermeister wurde und die Welt veränderte; Klett-Cotta, 2014
  • Magnason, Andri Snær. Traumland – Was bleibt, wenn alles verkauft ist?; orange press, 2011
  • Magnusson, Kristof. Gebrauchsanweisung für Island; Piper Verlag GmbH, 2013
  • Valsson, Páll. Frau Präsident: Eine isländische Biografie; Orlanda Frauenverlag, 2011
  • Walter, Andrea. Wo Elfen noch helfen: Warum man Island einfach lieben muss; Diederichs Verlag, 2013
  • Iceland Review, Magazin: icelandreview.com/de
  • Instagram: instagram.com/logreglan
  • Morgunblaðið, Tageszeitung: www.mbl.is/frettir/

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