Talkshows fördern die Shitstorm-Kultur

Leider haben Polit-Talkshows immer noch erhebliche Diskursmacht. Sie fördern jene Shitstorm-Kultur, in der jedes diffuse Unbehagen als wichtiger Beitrag zur Weltgeschichte gesehen wird.

Neulich gaben Günther Jauch und Maybrit Illner einer großen Wochenzeitung ein Interview über ihr Leiden als Talkshow-Meister. Sie beschwerten sich bitter darüber, dass Politiker entweder gar nicht in die Show kommen, oder nur als „Nebelmaschinen“ agieren. Am Schlimmsten sei Norbert Lammert, der die Politik-Talkshows einmal als „nicht demokratieförderlich“ bezeichnete: „Sie simulieren nur politische Debatten.“ Lammert würde höchstens kommen, wenn er allein reden dürfte. Gemein!

Lammert hat Recht. Wer in eine deutsche Will-Plasberg-Maischberger-Talkshow eingeladen wird, fällt einem abgekarteten Spiel anheim. Politiker dienen eher dem zügigen Beweis der These, dass man ihnen um keinen Preis trauen kann und sie rein gar nichts für die „kleinen Leute“ tun. Die Antworten auf die Fragen sind in den Sendungs-Titeln längst enthalten: „Mieter-Makler-Spekulanten – wird Wohnen unbezahlbar?“ „Vorsicht Enteignung – die große Angst der kleinen Sparer.“

Politiktalkshows repräsentieren allzu oft das 4-P-Prinzip: Polarisierung, Personalisierung, Polemisierung, Populismus. Geklatscht wird bei jeder Klischee-Bestätigung, gebuht, wenn es gegen „Neoliberalismus“ oder „die Reichen“ geht, echter Beifall brandet auf, wenn der Staat etwas bezahlen soll. Hinterher bloggt #kopfab-stöertebecker: Haben es den Bonzen und Politikern mal wieder gezeigt, LOL.

Aber ist das überhaupt noch wichtig? Haben die Gebildeten nicht längst den Ausknopf betätigt, und läuft das nicht alles bloß noch in der Rubrik Stefan Raab/Brot und Spiele? Leider haben die Talks immer noch erhebliche Diskursmacht. Sie wirken wie ein Resonanzboden für die fatale Mischung aus Katastrophismus, Subjektivismus und Zukunftslosigkeit, die unsere Debatten prägt. Sie fördern jene Shitstorm-Kultur, in der jedes diffuse Unbehagen als wichtiger Beitrag zur Weltgeschichte gesehen wird, und jede moralische Empörung als der Weisheit letzter Schluss.

Die kollektive Hausmeister-Attitüde, die heute im Internet ihre neue Heimat gefunden hat, weil man dort gefahrlos beleidigen kann, wen man will, wird durch diese Formate bestärkt. „Wenn der Deutsche schlechte Laune hat, glaubt er gleich, dafür bestehe Meldepflicht“. Dieser pfiffige Satz von Eckhard von Hirschhausen bekommt im digitalen Zeitalter einen ganz neuen Sinn.

Das alles heißt nicht, dass Talkshowmeister nicht kluge, ja sogar integere Leute wären. Sie verstehen nur selbst das System nicht mehr, in dem sie agieren. Dass sie in eigenen Produktionsfirmen arbeiten, führt zu einer fatalen Selbstselektion: Die Formate ziehen sich gegenseitig nach unten und wenn einmal eine Sendung einen besonderen Glanz aufweist (was ja durchaus vorkommt), fallen sie prompt beim Publikum durch.

Bisweilen möchte man sich fast nach den alkoholisierten Runden des Werner Höfer zurücksehnen, oder nach Jürgen von der Lippes Kumpelorgien. Der konnte richtig ordinär und authentisch mit seinen Gästen umgehen. Es ist wohl auch kein Zufall, dass derjenige, der dieser Tugend am nächsten kam, Reinhold Beckmann, jetzt das Handtuch wirft (oder geworfen wird). In seinen Sendungen konnte man manchmal den guten Geist der Talkshow spüren: Einen Moment des Staunens, in dem man die Welt durch authentische Menschen neu begriff.

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