Schulden bringen Glück

Als ich 25 und Student war, überstieg meine Gesamtverschuldung bei Wohngemeinschaft, Eltern und Freundin (die besonders hohe Zinsen verlangte) meine Zahlungsfähigkeiten für die nächsten tausend Jahre. Ich war stolzer Besitzer eines gebrauchten VW-Käfers, der mein persönliches Staatsdefizit auf rund 5000 Prozent brachte. Ein hoffnungsloser Fall. Aus diesem Grund tobten damals auch tagein, tagaus Straßenschlachten in meiner Heimat-WG-Stadt Frankfurt, bei denen es mindestens so hart zur Sache ging wie heute in Athen. Seltsamerweise ist aus mir doch noch etwas geworden. Die Schulden spornten mich auf meinen verschlungenen Berufswegen mächtig an, und die spekulativen Zinsforderungen führten irgendwann zur – überfälligen – Trennung von der Freundin.

Öffentlich für ein gelasseneres Verhältnis zu Schulden zu plädieren, ist derzeit ein wahres Himmelfahrtskommando. In Talkshows und Kommentarspalten wimmelt es von Geißelungen einer der ältesten menschlichen Institutionen. Nach Flugasche, Schweinegrippe und Waldsterben lautet die neueste Apokalypsedrohung: Schulden machen. Mit Schulden, so wird uns weisgemacht, beginnt der Abstieg ins Elend.

Kredit kommt von credere = Glauben. Kreditaufnahmen sind Optionen in die Zukunft. Wir glauben, in Zukunft produktiver, besser, attraktiver, schöner zu werden. Wir bauen ein Haus, und setzten darauf, das wir es abbezahlen können. Wir verlieben uns und träumen ganz ohne Rücklagen von Leidenschaften, Verständnis, Nachwuchs. Schulden sind mutige Flirts mit einem besseren Morgen, Übungen in Zukunfts-Vertrauen, Visions-Kunst. In Krisenzeiten kann diese Verpflichtung plötzlich schwindelerregend wirken. Aber im Allgemeinen legt sich das wieder.

Will ich hier die teuflischen Griechen und ihren levantinischen Lebensstil verteidigen? Dem Schludrian und Schlendrian das Wort reden? Nein. Ohne Zweifel hat die griechische Gesellschaft den Sprung in eine aufgeklärte Steuer- und Verwaltungsdemokratie nicht vollzogen (ich mache dort jedes Jahr Urlaub und kenne mich ein bisschen aus). Die Griechen haben fröhlich riskant gelebt, und jetzt klopft der echte Wandel an die Tür. Aber muss das immer schiefgehen? Schulden setzten Phantasie und Intelligenz frei. Sie zwingen uns, das Wichtige vom Unwichtigen zu differenzieren, schmerzhafte Ent-Scheidungen zu treffen. Denn irgendwann müssen wir sparen. Und dann geht es ans Eingemachte. Sind uns Beamtenpensionen wichtiger als Bildungskosten? Wollen wir in Talente investieren oder in die Abzahlung von chlorifizierten Gemeindeschwimmbädern? Auf diese Weise produzieren Schulden kollateralen Fortschritt: Sie zwingen á la longue zu raffinierterem Denken und produktiverem Verhalten. Sie erzwingen neue Gesellschafts-Kontrakte. Eine schuldenlose Kultur wäre sauber, öde – und zum Untergang verdammt. Denn in ihr wäre bereits alles abgezahlt, was investiert werden könnte. Ein Alptraum. Aber wie gesagt: Sagen Sie so etwas niemals in einer Talkshow! Es könnte Ihnen wie Eva Hermann gehen. Der Moderator steht mitten in der Sendung auf und sagt: „Wir haben beschlossen, jetzt ohne sie weiterzumachen!”.

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