Meine wirklichen Thesen zum Internet

Massenmedien haben immer die Tendenz zuzuspitzen, aus dem Zusammenhang zu reissen, aus differenzierten Gedanken Blödsinn zu machen. Dies zeigen wieder die angeblichen „Horx-Zitate”, die auf der ORF Website anlässlich des 20. Geburtstages des Internet erschienen sind: http://futurezone.orf.at/stories/1653078/

Willkürlich verbogene Sätze aus einem längeren Gespräch, das ich mit einem Journalisten geführt habe, dem offensichtlich egal ist, was wahr und richtig ist. So etwas verbreitet sich dann schnell über alle digitalen Kanäle und führt zu endlosen Kommentaren und Beschimpfungen. Genau so etwas macht einen Teil  meiner Internet-Skepsis aus.

Hier ist das, was ich über das Internet denke und seit vielen Jahren sage:

  1. Das Internet ist nicht nur eine technische Plattform, es ist auch ein soziales Medium, in dem mittelfristig neue „Soziotechniken” entstehen. Diese müssen eingeübt und erlernt werden, wie das Autofahren (dazu haben wir  Jahrzehnte gebraucht). Diejenigen, die das Internet heute im Sinne eines aktiven Wissensmediums gebrauchen, sind noch die Minderheit, etwa 20 Prozent der Gesamtbevölkerung (dazu gibt es noch ca. 40 Prozent „Gelegenheitsnutzer”). Etwa 30 Prozent der Bevölkerung sind „Internet-resistent” – sie wollen mit dem Medium nichts zu tun haben.
  2. Die Entwicklung des Internets ist letztendes eine Bildungsfrage. In Ländern wie Finnland mit einer Abiturientenquote von 85 Prozent bei den 20jährigen ist die aktive Wissens-Nutzung des Internets heute schon doppelt so hoch wie in Deutschland oder Österreich.
  3. Facebook und andere soziale Plattformen haben eine wichtige Funktion in der jugendlichen Netzwerk-Kultur. Im Kontext von beruflichen oder Informations-Anwendungen eignen sie sich weniger. Wie bei vielen solcher  Plattformen (Myspace/ Twitter) kommt es zu einer steilen Hype-Kurve. Am Ende besteht die Gefahr, dass eher diejenigen im Netz übrigbleiben, die sich langweilen – und von früh bis abends klatschen und tratschen.
  4. Das Problem mit Netzwerk-Informationssystemen ist die Frage, wie Information verifiziert werden kann. Ohne Regeln, Bewertung, ohne seriöse Bearbeitung, ohne Fairness und Kontrollierbarkeit wird Information unglaubwürdig und beliebig. Die Gefahr von Gerüchtebildungen, Denunziationen und populistischen Epidemien ist groß. An diesem Moment kann das Internet zu einem Terror-Meinungs-Medium mutieren und eine „Diktatur der Dilletanten” erzeugen. Darauf hat auch Jaron Lanier bereits hingewiesen.
  5. Ansonsten bin ich ein grosser Fan, Multi-Nutzer und Befürworter des Internet und wünsche ihm für die nächsten 20 Jahre ein kluges und gesundes Wachstum. Ich bin Anhänger der Idee des Kognitiven Überschusses (Clay Shirky), den das Netz in der menschlichen Kultur erzeugt. Allerdings glaube ich nicht, dass dieser Überschuss garantiert ist. Er erfordert einen Prozess der Regel-Vereinbarung zwischen Menschen, an dessen Anfang wir erst stehen.

Mehr dazu in meinem Buch „Technolution – Wie unsere Zukunft sich entwickelt”

Ergänzung: Meine angebliche Internet-Fehl-Prognose vor 11 Jahren

Im Herbst 1999 habe ich auf einem Vortrag auf einer Technologiekonferenz Folgendes gesagt:

„Das Internet wird kein Massenmedium. Erstens, weil es seinem Wesen nach keines ist &ndash es ist ein Netzwerk-Medium, das  nicht mehr nach dem Prinzip „Einer sendet, viele empfangen”, funktioniert. Zweitens wird es noch lange dauern, bis sich die SOZIALEN Regeln dieser neuen Technik ausmendeln. Die Anzahl der „offliner” wird noch eine ganze Weile hoch bleiben. Auch das Auto hat rund 80 Jahre gebraucht, bis es von einem „Gerät für die Elite” zu einem echten, smarten Massenprodukt wurde. Letztendes ist das nicht eine Frage der Technik, sondern der KULTURtechnik.”

Aus diesem Diskurs wurde durch die unermüdliche mediale Klischee-Mühle die „Fehlprognose von Horx, dass das Internet kein Massenmedium wird” gemacht. Genau das bestätigt meine Skepsis gegenüber einer Laien-Kultur, in der jeder fröhlich behaupten, meinen und nörgeln kann, was er will – auch falsche Informationen, Hypes und Trash pflanzen sich mithilfe des Netzes einfach schneller fort. Was – ich betone es noch einmal – nichts gegen das Netz sagt, sondern nur gegen die Blauäugigkeit…

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.