Malen mit Zahlen

Das menschliche Hirn ist von der Evolution dafür ausgestattet, zu vergleichen. Wir vergleichen unentwegt (oder bislang) die Auto-PS des Nachbarn mit unseren eigenen. Wir wägen unseren Kontostand gegen den des Chefs, die Schönheit unserer Partner zu der anderer Leute. Wir  vergleichen unentwegt Äpfel mit Birnen. Aus den kollektiven Gedächtnisspeichern holen wir Angstbilder und „kleben” sie an heutige Phänomene. Wir können gar  nicht anders.

Auch Krähen und Gorillas, so hat die Wissenschaft herausgefunden, können zählen. Aber Zahlen machen uns sapiens sapiens eine ganz besondere Angst, wenn sie in bestimmten Kontexten einherkommen. Zum Beispiel 6 PROZENT. SECHS!!!!! Soviel soll unsere Wirtschaft in diesem Jahr abstürzen/  abbleiern/ zusammenschrumpfen/ niedergehen/ kollabieren! Und schon starren wir auf die Titelseiten der Zeitungen, die das verkünden, hängen an den Mündern der „Wirtschaftsweisen” (die das berechnet haben).

Und fürchten uns.

Was bedeutet diese Zahl? Dass wird sechs Prozent weniger Wohlstand haben werden? Sechs Prozent weniger Nudeln auf dem Teller? Soziale Aufstände, Unruhen, Kriege?

Sechs Prozent weniger Sozialprodukt würde uns auf den Wohlstands-Level von 2005-2006 bringen. Bei deutlich geringeren sozialen Unterschieden. Denn am meisten bluten in der Krise die Reichen und Superreichen. Von Verona Feldbusch bis zu den Managern – dort oben verdienen alle deutlich weniger.

Finnland hatte im Jahr 1993 eine heftige Wirtschaftskrise, verursacht durch den Zusammenbruch der Sowjetunion und den Niedergang der Stahl- und Holzindustrie. Das Land verlor 16 (SECHZEHN!) Prozent Bruttosozialprodukt IN EINEM JAHR! Die Finnen reagierten aber weder mit Panik  noch mit Weltuntergangs-Inszenierungen. Durch eine nüchterne Analyse der Lage und eine gemeinsame Anstrengung von Staat, Bürgern und Gemeinschaft schafften sie einen weiten Schritt in die Wissensgesellschaft. Heute haben fast 90 Prozent der jungen Finnen eine Hochschulberechtigung. Die finnische Wirtschaft ist robust, zumal die Frauen im Norden deutlich mehr verdienen (und mehr Kinder  haben) als hierzulande.

Hierzulande bellt Franz Müntefering in die Mikrophone: „Wir müssen alles tun, um  die Industriegesellschaft zu retten!!!!”

Die Spiegel-Titelgeschichte von letzter Woche ist ein wunderbares Beispiel, wie man mit Vergleichen und Zahlenspielen arbeiten kann, um Leute am Nasenring der Angst-Aufmerksamkeit herumzuführen. Im Hintergrund  verblasste Arbeiter. Ein gesichtloser Mann mit Hut trägt ein Schild: Ich suche Arbeit jeder Art!

Die Schlagzeile: Wiederholt sich die Geschichte doch?

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