Kennen Sie schon das Kinship-Prinzip?

Natürlich: Die Konstellation „Mama, Papa, Kind” wird es wohl immer geben. Doch das Leben von morgen sieht anders aus, bunter und vielfältiger. Wie sich die Kleinfamilie auflöst in ein enges Netzwerk aus Freundschaft, Verwandtschaft, Liebe.

„Vor sechs Jahren trennte ich mich von meinem Mann, aber wir blieben befreundet. Unsere drei Söhne lebten bei mir, waren aber an vielen Wochenenden und Urlauben bei ihm. Vor einem Jahr lernte ich Dan kennen, einen Mann mit vier Kindern. Wir verbrachten Weihnachten auf dem Land: Dan, mein Ehemann, seine Freundin, Dans Frau, deren neuer Freund und alle Kinder. Es hätte eigentlich Spaß machen sollen. Tat es aber nicht.”

Als die englische Schriftstellerin Nell Dunn 1977 in ihrem Buch „Living Like I Do” diese Zeilen schrieb, waren viele Leser schockiert oder empört. Heute würde eine solche Szene niemanden mehr aufregen. Patchwork-Familien sind allgegenwärtig, denn in einer Kultur mit vielen neuen Lebensphasen und 50 Prozent Scheidungen muss sich die Gesellschaft weiterentwickeln – und neue Lebensmuster jenseits der Linearität von Heirat, Kinderkriegen, Rente hervorbringen.

Obwohl heute die Scheidungsraten in vielen westlichen Ländern wieder fallen oder stagnieren, werden wir in der Zukunft immer neue Varianten von Netzwerk-Familien finden. Dabei gelten die Gesetze der Evolution: Nicht genetische Familienformen entstehen, die positiven Mutationen werden sich durchsetzen. Derzeit häufen sich Anzeichen für eine „Neo-WG-Kultur”: Gemeinschafts-Lebensformen, in denen mehrere Familien zusammenleben und der Druck der Kindererziehung in einer Art Neotribalismus auf mehrere Schultern verteilt wird. In vielen Städten entwickelt sich die „Cohousing”-Bewegung: Gleichgesinnte bauen ihre eigenen Wohnhäuser, in denen Alt und Jung, Familien und „Freundesnachbarn” zusammenleben.

„Kinship” benennt im Englischen jene Beziehungsform, die für unsere Vorfahren überlebenswichtig war. Zu diesem Netzwerk gehört die Blutsfamilie, hilfreiche entfernte Verwandte und jene Freunde, mit denen man tiefe Erfahrungen teilt. Kinship rearrangiert Familie und Liebe, Arbeit und Freizeit zu neuen Verbindungen. In den USA eixistiert bereits eine Art Lifestyle-Sekte, die diese „Neuversippung” symbolisch inszeniert: die „Kinfolk”Gruppe.

In alten Scheunen oder Fabrikhallen kommt man bei Kerzenlicht zueinander, kocht Slow Food füreinander, spricht über das Leben, die Liebe und die Träume. Smartphones sind verboten. Eine Hipster-Utopie, die an die alten Kommunen erinnert, aber noch etwas ganz und gar Individuelles ausdrückt.

Nell Dunn, die Pionierin dieses Lebensstils, brachte schon vor 40 Jahren den Geist dieser Bewegung auf den Punkt. Nachdem sie mit Dan in ein Haus gezogen war, in dem jeder seinen eigenen Bereich hatte, aber ständig Freunde und Kinder zu Besuch waren, „gab es eine Menge Probleme, auch ökonomische, aber die Dichte und Intensität von sieben Kindern plus deren Freunde, die immer neuen Beziehungen und Muster, die daraus entstanden – all das machte das Leben unendlich viel reicher als das, was ich vorher als Alleinerziehende führte.”

Matthias Horx & Oona Horx-Strathern

Dezember 2014, emotion

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