Kapitalismus 3.0

Die Krise als Upgrade-Mechanismus für ein wandelbares Wirtschafts-System

Die Stimmung bleibt düster, auch wenn viele Menschen inzwischen die Krise auch als einen Veränderungsimpuls empfinden. Und immer häufiger wird die „Systemfrage” gestellt. Kann man dieses „Monster”, diesen „Moloch” des Kapitalismus, wie es viele heute empfinden, überhaupt innovativ verändern?

Zunächst: Die Zukunft des Kapitalismus ist der Kapitalismus. Kein anderes System vermag es, Freiheit und Prosperität gleichzeitig zu produzieren, Innovationen voranzutreiben, die vielfältigen Bedürfnisse von Menschen zu befriedigen. Keine andere Gesellschaftsordnung ist so variabel, lernfähig und dynamisch wie die Marktwirtschaft. Allerdings muss das Modell, wie jedes Betriebssystem, zyklisch immer wieder an neue Anforderungen angepasst werden. Etwa an die Globalisierung. An neue Technologien. Oder die veränderten Wünsche der Menschen.

Kapitalismus 1.0
Das war im Wesentlichen die Gesellschaftsordnung des 19. Jahrhunderts, als die Industrialisierung Millionen von Menschen in Bewegung versetzte, aus den ländlichen Räumen entwurzelte und in den Fabriken zum Schuften brachte. Diese Urform des Kapitalismus erzeugte nach der Diktion von Max Weber ein „ehernes Gehäuse der Hörigkeit”. Eine Kultur der „Lohnabhängigen” entstand, in der die Ware Mensch wenig wert war: Heerscharen billiger Arbeitskräfte verdingten sich für praktisch jeden Stundenlohn, die Arbeit in den Fabriken war monoton und brachial, der Einzelne im Reich der Maschine austauschbar. Der Staat blieb eine Ordnungsmacht, die sich im Wesentlichen auf das Garantieren von Eigentumsrechten beschränkte, und im diesem Sinne auch schon mal Streikende niederschoss. Dieses brachial einfache Modell können wir heute noch in den Schwellenländern beobachten, etwa in China.

Kapitalismus 2.0
Im 20. Jahrhundert wurde aus diesem groben Modell durch viele Katastrophen, Kämpfe und Einsichten der europäische (und zum Teil auch amerikanische) Sozialstaat. Große staatliche Institutionen federten nun den Klassenkonflikt ab: Renten- und Gesundheitssystem, Arbeitsbehörden und Bildungssektor. Aus der öden Fabrikarbeit wurde eine moderne Dienstleistungswelt, der Lohnabhängige wandelte sich zum Bürger einer Zivilgesellschaft, schließlich zum aktiven Konsumenten. Dieses Modell war erfolgreich, hatte aber auch seine Schwächen. Es neigte dazu, dem Staat immer mehr Pflichten aufzubürden, und das Individuum „überzuverwalten”. Die Abhängigkeiten, die die Fabrikwelt geschaffen hatte, wurden nicht aufgelöst, sondern in immer neuen Bürokratien verkleidet. Die emanzipative Dynamik, die in manchen Phasen der Wirtschaftsentwicklung vorherrschte, erlahmte in den 80-er und 90-er Jahren.

Kapitalismus 2.1
In den letzten Jahren tauchte dann eine fatale Variante auf: Der finanzmarktgesteuerte Kapitalismus. Sein Versprechen, Geld durch Geld zu vermehren, Reichtümer durch geniale Hebelwirkungen zu erzielen und dabei das reale Unternehmertum weitgehend abzuschaffen, stellte sich als Trugschluss heraus. Dieses vermurxte „operating system” wurde nun gottlob vom Markt genommen. Wie aber könnte das nächste Betriebssystem aussehen?

Kapitalismus 3.0
Um im Bild des „Betriebssystems” zu bleiben: Nehmen wir den Unterschied zwischen einem Windows-Betriebssystem und einem Mac. Während man beim Bill-Gates-Modell immer warten muss, bis etwas hochfährt, mühsam nach den Funktionen sucht und dabei inständig hofft, dass nicht gleich wieder alles abstürzt, ist ein Apple-Betriebssystem von einer gewissen selbsterklärenden Eleganz durchdrungen. Seine Funktionen sind vom Nutzer aus gedacht, nicht vom Anbieter. Es erklärt sich weitgehend selbst. Es synchronisiert die verschiedenen Plattformen. Und es evolutioniert ständig weiter, wobei es alte, bewährte Elemente mit echten Innovationen re-kombiniert.

Um einen neuen Modus zwischen Markt, Individuum, Staat und Zivilgesellschaft zu finden – also einen neuen Sozialkontrakt – sollten wir uns zunächst rückbesinnen. Bereits im Kapitalismus 1.0, im Verlauf des 18. Jahrhunderts, entwickelten sich viele brauchbare Elemente eines Zukunfts-Kapitalismus. Die Genossenschaftsbewegung zum Beispiel schuf Organisationsmodelle, in der die Wirtschafts-Subjekte zugleich Inhaber und Teilhaber waren. Noch weiter zurückliegend, im Mittelalter, finden wir manche Selbst-Organisationsformen der ständischen Arbeit, wie die Gilden, aus denen wir vielleicht auch etwas für die Zukunft lernen können.

Der Kapitalismus 3.0 wird von folgenden Parametern geprägt sein:

  1. Greenomics
    Alle Märkte der Zukunft sind grüne Märkte. Das heisst nicht, dass jedes Unternehmen nur noch Solarpanels produzieren muss, es heisst aber, dass der ökologische Gedanke, die Grundidee der Wechselwirkung, zum zentralen Motiv des Wirtschaftshandelns wird.
  2. Talentismus
    Der Kapitalismus 3.0 stellt die Humanressource in den Mittelpunkt. Dabei begreift er Bildung nicht mehr nur aus „Ausbildung” im Sinne einer betrieblichen Notwendigkeit, oder als Erwerb eines Status-Anrechts durch „Hochbildung”. In der Wissensökonomie zählt mehr und mehr der Charakter einer Menschen, seine „Soft Skills”. Deshalb gilt es, unser Schulsystem gründlich umzubauen. Nicht mehr „Abschlüsse” sind wichtig, sondern Anschlüsse, Offenheiten, Neu-gierden.  JEDER Mensch hat ein Talent, auf dem sich eine Hochbildung aufbauen lässt. JEDER! Es gilt, die individuellen Talente in den Menschen frühzeitig zu erkennen und zu fördern.
  3. Womenomics
    Alle Varianten des Kapitalismus bezogen sich bislang primär auf Männer. Männer waren Bosse, Lohnempfänger, Alleinverdiener. Wenn die Frauen sich zunehmend aktiv in die Wirtschaft einmischen, verändert sich die Zeit- und Emotionsstrukturen. Das „eherne Gehäuse” der Lohnarbeit wird aufgebrochen, zugunsten einer neuen WorkLife-Balance-Kultur.
  4. Partizipatorische Unternehmen
    Unternehmen haben das Ziel, Profite zu erzeugen. Doch je mehr ihre Tätigkeit aus Wissens- und Innovationsarbeit besteht, desto weniger lässt sich die Arbeitskraft der Mitarbeiter funktionalisieren. Deshalb werden ALLE Unternehmen in Zukunft neue Teilhaberschafts-Konzepte entwickeln müssen. Dabei geht es nicht, wie bei der alten „Mitbestimmung”, um Veto-Systeme, sondern um eine kooperative Dynamik, bei der sich die Grenzen zwischen „Arbeitgeber” und „Arbeitsnehmer” langsam auflösen. Neue Unternehmen sind wie Jäger- und Sammler-Stämme, die einen ordentlichen Teil der Beute zum Schluss unter sich aufteilen.
  5. Libertärer Paternalismus
    Ein Staat der Zukunft muss das Kunststück fertigbringen, den Bürger nicht zu bevormunden, aber trotzdem schädliches Verhalten zu minimieren. „Nudging” nennt sich dies in der neuen Sozialforschung: Die Menschen in die richtige Richtung schubsen. Hier entwickelt sich das Bild eines neuen Vorsorge-Staates, der von den Bürgern eine gewisse Erwachsenheit und Selbst-Kompetenz fordert, DAMIT er seinen Pflichten besser und kostengünstiger nachgehen kann.

Alles Utopie, sagen nun viele. Mag ja alles irgendwie richtig sein. Aber schauen wir uns doch die Realität an! Es kommt allerdings darauf an, WIE man die Wirklichkeit betrachtet – aus welchem Sichtwinkel, mit welchen Prädispositionen. Wenn man genauer hinschaut, kann man die neue Gesellschaft bereits überall ausmachen. In den Netzwerken der „Wikinomie”. In den Programmen und Handlungen kluger Politiker, die das neue System verstanden haben – Obama lässt grüßen. In den vielfältigen Aktivitäten der neuen Zivilgesellschaft. In der Aufbruchstimmung eines  kreativen Unternehmertums, dass neue Märkte und innovative Produkte kreiert, ohne ständig nach staatlichen Subventionen zu rufen. Und dabei Selbstverwirklichung mit Gewinnstreben mit Humanität verbindet.
Yes we can!

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