Je negativer, desto besser

Früher machte sich kaum einer Gedanken über die Haltbarkeit von Kleidungsstücken oder Geräten. Heute verdächtigen wir Unternehmen, dass sie absichtlich Verschleiß-Teile einbauen und wir fühlen uns betrogen, belogen und kapitalistisch ausgebeutet.

In meiner rebellischen Jugend gab es, im Mainstream eines damals allgegenwärtigen Antikapitalismus, wunderbare Verschwörungsgerüchte. Wir glaubten nicht nur, dass in der biederen Bundeshauptstadt Bonn der Neue Faschismus ausgeheckt wurde, sondern auch, dass der ewig haltbare Nylonstrumpf und die ewig strahlende Glühbirne längst erfunden seien. Ein Bestseller, der diese Verschwörungen zur Grundlage einer allgemeinen süffigen Gesellschaftskritik machte, hieß „Angst im Kapitalismus“.

Heute erleben Verschwörungstheorien ein fröhliches Comeback. Etwa die jüngste Debatte um die Unhaltbarkeit von Produkten. Schon haben sich die entsprechenden Websites und Experten gebildet, die akribisch nachweisen, dass hier ein Rädchen aus Verschleiß-Plastik eingebaut wurde und dort ein Akku bösartig nicht austauschbar ist. Alles in der perfiden Absicht, uns zu betrügen, belügen und kapitalistisch auszubeuten. Seltsam. Seit Jahren haben wir, als ganze Gesellschaft, die Botschaft des Preises, der Wegwerfbarkeit und des praktischen Reparaturverzichts verherrlicht. Kleidungsstücke zum Beispiel. Wer denkt beim Kleiderkauf schon an die Haltbarkeit? Erst der Einsturz einer Kleiderfabrik in Bangladesch, mit 1.200 Toten macht uns die Produktionsbedingungen klar. Kleidungskauf ist Ad hoc-Kauf, wir kaufen nicht möglichst waschbare Hüllen, in denen wir in Ruhe altern können.

Verschwörungstheorien erklären das Komplexe

Und das ist gut so, weil wir sonst alle aussehen würden wie unsere Urgroßeltern. Es muss nicht einmal ökologisch schlecht sein. Nahrungsmittel kaufen wir schließlich auch nicht auf ihre Haltbarkeit hin (sondern eher als „Frische“). Wenn Produkte ewig haltbar wären, gäbe es wenig Innovation, wenig Kreativität – und wenig Markt. Eine Cradle-to-Cradle-Kreislaufwirtschaft, wie sie derzeit von vielen Initiativen (auch der Wirtschaft) entwickelt wird, würde darauf abzielen, immer das effektivste und modernste Gerät zu nutzen, und es in kurzen Zyklen verlässlich zu recyceln. Aber bildet sich in der Debatte über Verschleiß nicht neues Verbraucherbewusstsein? Das wäre schön. Produziert wird eher noch mehr Bigotterie. Wir klagen über Taxipreise, um uns darauf gegen die Unterschreitung von Mindestlöhnen zu moralisieren. Wir schleppen 1-Meter-Flachbildschirme für 500 Euro in die Wohnung, ohne uns zu fragen, wie das geht. Nein, das tun nicht nur die Armen, sondern alle Schichten und Milieus. Die Saftpresse für 19,90 muss 20 Jahre halten! Alles andere wäre nicht nachhaltig! Das Drohwort der neuen Spießigkeit.

In der Kognitionspsychologie kennt man den Effekt des Negativitätsvorteils. Aus allen möglichen Interpretationen wählen wir diejenigen aus, die unseren psychologischen Entlastungs-Strategien nützen. Je negativer, desto besser. In der Unterstellung einer betrügerischen Absicht „der Industrie“ lenken wir von unserem Selbstbetrug ab. Und können uns als Opfer fühlen. Aber im Kern aller Verschwörungsfantasien sitzt eigentlich Unsicherheit: Wir sind uns unserer eigenen Rolle als Kunden, als Bürger, Eltern, Wähler nicht sicher. Verschwörungstheorien glätten die Wogen dieser Verunsicherung. Sie erklären das Komplexe, dessen Teil wir sind, auf eine Weise, in der wir uns komfortabel distanzieren können. Bei Nebenwirkungen und Komplikationen solcher Weltbilder hilft kein Arzt oder Apotheker.

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