In die Grütze gesetzt

Scheitern als Chance steht höher im Kurs denn je. Richtig scheitern heißt, Raum für Neues zu schaffen. Aber man kann auch am Scheitern scheitern.

Jetzt gibt es überall diese lustigen Fuckup-Nights, in 64 Städten. Schon der Name macht wach! Nein, das ist keine derbe Porno-Veranstaltung. Bei diesen Versammlungen, die in coolen alten Fabrikhallen und anderen Event-Lokalitäten stattfinden, treten junge Unternehmer auf und erzählen vom Scheitern. Gründer berichten voller Stolz und Ironie, wie sie ein Handtaschen-Online-Geschäft oder eine digitale Pferdedatei oder einen Internet-Versand mit mexikanischen Independent-Filmen tief in den Sand des Misserfolgs gesetzt haben; „in die Grütze“, wie man norddeutsch so schön sagt. Man steigert sich förmlich hinein ins Scheitern, und meist kommt der Höhepunkt mit dem Satz: „Und plötzlich war das Geld weg!“ Dafür gibt es jubelnden Applaus. Neulich war auch Christian Lindner da, von der FDP.

Scheitern als Chance – das scheint eine Art Grund-Idee der kommenden Zeit zu werden. Steh dazu! Bekenne Dich! Sei ehrlich! Konträr zum Tschakka-Ruf früherer Motivationskongresse bildet sich hier eine ironische Selbsterkenntnis-Kultur aus, die dem ewigen Gewinnenmüssen Kontra bietet.

Die Frage ist allerdings, ob die fröhlichen Scheiterer eigentlich verstanden haben, wie und dass sie gescheitert sind. Oder ob sie sich im Grunde für wahnsinnig cool und erfolgreich halten. Nur leider hatten die anderen – die Kunden, die dämliche Welt da draußen – ihr Genie nicht erkannt.

20110630 Syntagma Square after Demonstrations of Indignados Athens Greece 2Foto: Ggia

Griechenland zum Beispiel. Griechenland ist an seinen Reformen einstweilen gescheitert. Aber wer ist schuld? Die feschen Lederjacken-Jungs von der Syriza erinnern irgendwie an Christian Lindner (immer fröhlich, immer frech). Klar, die Schuld liegt bei den den neoliberalen Schweinen im Norden, diesen Waterboardern und Schulden-Versklavern, die das griechische Volk, weil sie ja gar nichts anderes zu tun haben, knechten wollen.

Bei aller Sympathie für das Rebellische, das ja immer auch das Innovative in sich trägt – das ist irgendwann nicht mehr lustig.

Die deutschen IS-Killer sind zum großen Teil sozial Gescheiterte aus deutschen Kleinstädten, die mit einer religiös verbrämten Machismo-Kultur ihr Scheitern mörderisch inszenieren.

Oder Russland. Dieses Land ist auf seinem Weg in eine Zivilgesellschaft einstweilen gescheitert. Ich kenne keinen, der nicht tiefe Empathie mit der russischen Gesellschaft und ihrem Kampf gegen die vielen Despotien hat, die das Land erleiden musste. Aber irgendwann ist da etwas umgekippt, in Obrigkeitshörigkeit und Überidentifikation. Sich hinter einem Scheinstarken zu versammeln und hasserfüllt Verschwörungstheorien pflegen, das ist das Scheitern am Scheitern.

Fuckup eben.

Scheitern muss sein. Aber ein Neuanfang entsteht daraus, wenn man auch seine Irrtümer erkennt. Dann entsteht, was das schöne, griechische Wort Katharsis meint. Katharsis ist jener Punkt, an dem man wirklich innehält. Und wieder authentisch wird. Der Moment, an dem das innere Sein wieder mit den äußeren Möglichkeiten in Einklang kommt. Und wieder Sinn entsteht. Wer das schon erlebt hat, weiß, wie befreiend es sein kann. Allerdings muss man dazu wahrscheinlich erst einmal schweigen.

Erschienen am 18.02.2015 in der Berliner Zeitung.

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