In der Zukunft heimisch sein

Was hat hass-populistische Revolte mit der Zukunft zu tun? Vielleicht liegt einer der Gründe für die heutige Angst- und Wut-Epidemie in einem Future Failure – einem Konstruktionsfehler unserer Zukunftsbilder. Das Morgen ist der Ort, an dem wir nicht wirklich heimisch sein können. Stattdessen sehnen sich viele Menschen inbrünstig nach der Vergangenheit. Es ist Zeit, die Zukunft neu zu denken.

Was ist eigentlich mit der Zukunft los? Ist sie nicht das ewige Reich der Hoffnungen und Erwartungen, der Sensationen und Wunder? Natürlich war sie immer schon auch ein Reich des Schreckens, ein Projektionsraum der Ängste. Aber etwas in unserer Gesellschaft, unserer Gesellschaft hat sich radikal verändert. Die Zukunft scheint sich aus der Hintertür davongemacht zu haben. Sie will aus irgendeinem Grund nicht wiederkommen. Sie verweigert sich uns.

Sie schmollt.

In der Geschichte hat die Zukunft immer ein Janusgesicht: Mal ist sie das Elysium einer kommenden Zeit. Mal Dystopie. Mal trägt sie, wie zu Beginn der Renaissance, des 19. Jahrhunderts, und in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts, das Signum der großen technischen Verheißung. Zukunft scheint eine Zyklik zu haben wie Sonnenflecken, oder die Eis- und Warmzeiten: Sie taut unter der menschlichen Energie der Hoffnung auf, und sie erfriert in den Enttäuschungen, die vor allem der Furor der Moderne über uns zu bringen scheint. Denn zunächst einmal scheint Zukunft immer und überall nur einen Weg zu kennen: technische Erlösung.

Futur 1: Die technische Hyper-Euphorie

Wie sieht die Welt in 20 Jahren aus? Lauschen wir den Utopikern und Management-Euphorikern, den Trend-Propagandisten und Zukunfts-Protagonisten, die sich auf jedem Business-Kongress versammeln. Oder blättern wir durch die zahllosen Broschüren, Beilagen, Magazine, die sich dem Thema „Zukunft” widmen. Oder geben wir einmal das Wort ZUKUNFT in Google ein, und schauen auf die Bildleiste.

In der Zukunft stehen Menschen in Business-Anzügen vor Glasscheiben, auf denen Formeln und Zahlen auftauchen. Und zeigen mit dem Finger darauf.

In der Zukunft gibt es zahlreiche menschenähnliche Roboter, die allerlei mensch-lichen Tätigkeiten nachgehen. Sie laufen in den Straßen von metallischen Groß-städten, deren Türme von Flugautos umschwirrt sind.

Wir werden jede Sekunde, jede Minute online sein. Unsere Häuser werden „smart vernetzt”, alle Gegenstände kommunizieren miteinander, der Kühlschrank bestellt automatisch, und wenn wir ein Paket erwarten, kommt es mit der Drohne. Automatische Autos stehen an jeder Ecke per Zuruf bereit, um uns an jeden beliebigen Ort zu chauffieren.

Wir monitoren unsere Körperfunktionen und unsere Körperflüssigkeiten. Vielleicht mit Implantaten, oder kleinen Geräten hinter dem Ohr, die uns Anweisungen geben, falls wir uns falsch ernähren oder uns zu sehr anstrengen. Unsere Netz-Profile geben den perfekten Partnermatch her, und werden ständig durch neue Informationen „upgegradet”. Wenn wir alt sind, werden wir von Automaten gefüttert und umsorgt. Die meisten Entscheidungen werden von künstlichen Intelligenzen getroffen, die uns sanft an der Hand nehmen und durchs Leben führen.

Smart Home

Juan Carlos Ramos: Pyramid House, juancarlosramos.me

In Zukunft sind die Häuser leer, weil in ihnen längst das Licht von alleine an- und ausgeht, die Jalousien hoch und runterfahren, und die Autos vollautomatisch in die Garage schnurren.

Das also ist die Welt von morgen.

Wer aber möchte in so etwas leben?

Die Standardform der Zukunft als technische Beschleunigung hat etwas genuin Unwirtliches, Unmenschliches. Sie scheint die menschliche Unordnung, „the human mess“, nach und nach durch maschinelle Prozesse zu ersetzen. Denn eines braucht sie in Wahrheit nicht mehr: Uns, als Menschen. Wo alles automatisiert, digitalisiert, perfektioniert ist, steht der Mensch plötzlich einsam und verloren da, vor riesigen Bildschirmen, auf denen Bilder aus einer sinnlosen Vergangenheit flackern.

Die Kernbotschaft der Zukunft lautet:

  • Alles wird immer schneller.
  • Alles wird immer technischer.
  • Alles wird immer einsamer.
  • Menschen werden nicht gebraucht!

Diese Zukunft ist heimatlos. Einsam. Und das spüren wir. Der amerikanische Schriftsteller, Jonathan Safran Foer beschreibt die tiefe Skepsis gegen das lineare Zukunfts- Versprechen unserer Zeit:

“Wie so viele Menschen, sie ich kenne, bin ich besorgt, dass die Smart-phones und das Internet in subtiler Weise das Leben ärmer gemacht haben, uns oberflächliche Sensationen auf Kosten tiefer Erfahrungen gegeben haben. Dass sie uns vom Leben ablenken, Konzentration schwieriger machen, uns dazu anhalten, immer woanders zu sein als wir sind. Ich habe mich dabei ertappt, E-Mails zu lesen, während ich die Kinder badete, ins Internet zu gehen, wenn ein Satz oder eine Idee nicht sofort in meinem Kopf erschien, wie ich nach einem Baumschatten suche, nur um den Bildschirm meines Smartphones besser lesen zu können. ….Hast Du jemals einen Anruf Deiner Liebsten „on hold” gestellt, um einen Anruf mit einer unbekannten Nummer entgegen zu nehmen? Hast Du Einsamkeit mit Alleinsein verwechselt? … Wir nutzen Technologie oft, um Zeit zu sparen, aber entweder die Technik nimmt die Zeit MIT sich, oder es macht die gesparte Zeit weniger reich, intim und gegenwärtig… Ich habe Sorge, dass je mehr die Welt zu unseren Fingerspitzen kommt, sie sich umso mehr von unseren Herzen entfernt. „Anti-technisch” sein, ist vielleicht die einzige Sache, die blödsinniger ist als „pro-technisch” – und trotzdem stellt sie uns eine Frage nach einer Balance, von der unser Leben abhängt.”

www.theguardian.com/books/2016/dec/03/jonathan-safran-foer-technology-diminishing-us

Futur 2: Der allgegenwärtige Untergang

Was wäre, wenn der Aufstand von Hass und Hässlichkeit, von Obstruktion und schlechter Laune, den wir derzeit erleben, nichts anderes ist als ein Aufstand gegen die Unwichtigkeit des Menschen in einer kalten Zukunft? Ein Schrei nach Signifikanz, nach Nicht-Abgeschafft-Werden-Wollen?

Auf seltsame Weise erscheint die allgegenwärtige Alternative spannender als die Zukunft selbst: Der Untergang, die Apokalypse in all ihren Formen und Farben, wie sie heute in jeder Talkshow, in jeder Unterhaltung, in jedem Fernsehfilm präsentiert wird.

Der Untergang durch allgemeine Anarchie. Der Untergang durch böse Potentaten. Der Untergang durch Trump. Der Untergang durch Verbrecherbanden. Der Unter-gang durch Fremde. Der Untergang durch menschliche Schwäche. Der Untergang durch menschliche Boshaftigkeit. Das Ende der Rohstoffe und die dadurch aus-brechenden Kämpfe um den letzten Öltropfen. Der Untergang durch fremde Kulturen. Der Untergang durch resistente Keime. Der Untergang durch die Wieder-kehr des Faschismus. Der Untergang durch Feminismus. Der Untergang durch Werte¬zerfall. Der Untergang durch Armut. Der Untergang durch Reichtum. Sind wir nicht längst dort angelangt?

Das Ende des Euro. Das Ende der Familie. Das Ende der Politik. Das Ende der Menschlichkeit. Das Ende des Friedens. Das Ende des Fortschritts. Das Ende des Wohlstands. Das Ende der Zivilisation.

Untergänge und Enden haben vor allem EINE Eigenschaft. Sie sind „semantische Marker” in unserem Hirn. Sie bieten Narrative der Eindeutigkeit, der Schuld-zuweisung. Sie lösen Uneindeutigkeit auf, und nichts begehrt das erregte und verwirrte menschliche Hirn mehr als dies! Wenn die Zukunft keine attraktive Perspektive mehr darstellt, kein Zugewinn, dann ist die Gruselstory vom Großen Versagen die allemal attraktivere Story. Und genau das ist der Grund, warum heute so viele Menschen an die Düsternis glauben.

Die Zukunft evolutionär denken

Wenn wir die Zukunft neu denken wollen, müssen wir uns von zwei Fehlannahmen des klassischen “Futurismus” verabschieden: Linearität und Technizismus.

Stellen wir uns die Zukunft einmal nicht als das Ende einer graden Linie vor, sondern als eine Art Entfaltung. Alles wird nicht schneller, besser, eindeutiger, sondern vielfältiger, differenzierter, komplexer.

Genauso unterscheidet sich unsere heutige Gegenwart von den Bildern, in denen sie früher als Zukunft erschien: Es gibt heute nicht „noch schnellere Autos” oder „Noch schnellere Flugzeuge”. Sondern viel mehr und viel profanere Flugzeuge und unter¬schiedlichere Autos. Es gibt heute nicht eindeutigere Gesellschaften, wie etwa in den Utopien von „Big Brother” und „Schöne Neue Welt”. Sondern vielschichtigere, „verwirrtere” Gesellschaften. Und genau das wird auch in Zukunft so sein. Es wird nicht jeder ein Smartphone ins Ohr implantiert haben. Sondern es wird einige Menschen geben, die ein Smartphone ins Ohr transplantiert haben, aber auch eine Menge Leute, die gar kein Smartphone mehr haben oder es nur sehr eingeschränkt nutzen.

Jeder Trend hat einen Gegentrend. Jeder Trend hat einen Gipfel, einen Peak, eine Sättigungsgrenze. Danach entsteht eine neue Phase, ein Phasensprung auf eine andere Ebene.

Wird die Zukunft noch vernetzter und noch virtueller? Könnte sein. Aber die heutigen Phänomene des Postfaktiszimus zeigen, dass sie dann auch immer instabiler wird. Wenn wir eine Zukunft haben, dann wird sich darin eine evolutionäre Adaptions-Evolution gegen zu viel Vernetzung und falsche Virtualität entwickeln müssen! Wie Foer sagt: „Zukunft ist eine Balance, von der unser Leben abhängt!”

Die Zukunft besteht nicht, wie auf den glatten Bildern des technisch-naiven Utopismus zu sehen, in der Abschaffung des Alten und seine Ersetzung durch das Neue. Sondern in immer neuen Kombinationen und RE-Kombinationen. Zukunft ist die steigende Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen! Dabei wird das Alte mit dem Neuen geklont, verbunden, hybridisiert. Die wahre, die „leb-bare” Zukunft entsteht in Schleifen, in Ligaturen, in Wiederverbindungen, in denen auf Dauer höhere Komplexität entsteht. Die Renaissance entstand aus der Re-Kombination der Antike mit den Kultur- und Ökonomieformen des Mittelalters. Das Smartphone entstand in der Kombination von Techniken der Halbleiter-Industrie, der Funktechnik, der Materialtechnik etc. Unsere kulturelle, kommunikative Zukunft wird aus einer Rekombination von „online” und „offline” bestehen. Nennen wir es OMLINE!

Zukunft entsteht nach dem Prinzip der Rekursion. Fortschritt entwickelt sich aus der Synthese von Trend und Gegentrend, die sich in einer neuen Synthese „Erlösen”. Gegen die Globalisierung formt sich die Renationalisierung. Aber in der hyper¬vernetzten Welt des 21. Jahrhunderts werden Nationalgrenzen zunehmend sinnlos. Deshalb wird das Ergebnis dieses Trend-Gegentrend-Spiels irgendwann auf eine neue Ebene springen: GloKALisierung, das bedeutet die Rekombination des Lokalen mit dem Globalen.

Gegen die radikale Flexibilisierung formt sich ein neuer Sicherheitswahn. Wie aber wäre es mit FLEXICURITY – einer Synthese zwischen Sicherheit und Flexibilität? Mit diesem Begriff steuern die Skandinavier ihr Arbeits-System, das eines der höchsten Mobilitäts- und Flexibilitätsgrade aufweist, bei gleichzeitiger Sicherheit des Einzelnen in garantierter Beschäftigbarkeit.

Stellen wir uns vor, das „Technium” wäre eine Co-Evolution menschlicher Fähig-keiten und Bedürfnisse und den Angeboten der Technik. Das hieße, dass Technik nicht „naturgemäß” über uns hereinbricht, sondern dass sie immer auch verworfen wird – und dadurch ihre evolutionäre Richtung ändert. Menschen sind die evolutionären Selektoren von Technologie!

So machen wir uns die Zukunft heimisch: Indem wir, statt sie aus Utopien und Illusionen zu konstruieren, wachsen lassen.

Eine solche evolutionäre Futurologie müsste zwischen einer PRÄ-stabilisierten Zukunft und einer RE-Stabilisierten Zukunft unterscheiden. Ersteres bliebe auf Dauer instabil, zweiteres bringt Zukunft als Heimat in die Welt.

Der Soziologe Armin Nassehi hat diesen Unterschied im letzten KURSBUCH (187) ausgeführt:

„Veränderungen müssen listig angegangen werden, listig in dem Sinne, dass man ihnen eine Chance geben muss, sich von den Intentionen der Beteiligten unabhängig zu machen. Wenn sich die Dinge bewähren, kommen die Intentionen schon hinterher.”

Laut Nassehi entsteht die Zukunft nicht in der großen Idee, der Utopie (“prästabilisiert”), die am Ende immer in Enttäuschung und Terror führen muss. Sondern durch Praxis, die neue Verhältnisse schafft („re-stabilisiert”). Durch neue Kooperationsformen, die sich ad hoc, spontan entwickeln, von Co-Gardening über Co-Working bis Co-Living. Durch Kooperationen und Kreativität quer über den Planeten. Durch neue BEZIEHUNGEN zwischen Menschen. Zukunft wirkt in der Praxis von erleuchteten Firmen, die einen Beitrag zur Lösung von menschlichen Problemen leisten. Zukunft entsteht, wenn wir im Rahmen der Liebe oder der Familie neue Wege gehen, in denen Anerkennung und Differenzierung entstehen. Nassehi formuliert weiter:

“Wir leben also nicht in einer leibnitzschen PRÄstabilisierten Harmonie, sondern in eine REstabilisierten Harmonie, deren unsichtbare Macht man nicht unterschätzen darf.
… Man müsste also beginnen, mit Evolution zu rechnen, das heißt nicht nur damit, was man will, sondern vor allem damit, was tatsächlich geschieht. Als grundlegende Mechanismen gelten Varianten und Selektion. Dieses Modell hat Donald T. Campbell für die soziokulturelle Evolution um eine dritte Kategorie erweitert, die Restabilisierung nämlich…
Die (Re-)Integration des Neuen in ein System ist erst dann erfolgt, wenn das Neue so auf Dauer gestellt werden kann, das seine Struktur gesichert bleibt, etwa durch Institutionen oder andere Formen der Stabilisierung von Erwartungen.”

(Kursbuch 187, Welt verändern, S. 15)

Die Komplexität umarmen.

Warum ist Krebs nicht geheilt? Und warum wird er womöglich NIE geheilt werden, jedenfalls nicht ganz, so wie man eine Infektionskrankheit heilt oder ein Auto repariert? Weil Krebs eine multidimensionale, evolutionäre Antwort auf die Komplexität des Organismus ist. Je komplexer Organismen sind, desto höher die Anzahl der möglichen Mutationen. Je höher die Anzahl, desto schneller „lernen” Zellen, sich gegen die Todesprogramme des Körpers zu verteidigen. Krebs ist der unbedingte zellulare Lebenswille in Organismen, die durch hohe Differenzierung existieren.

Warum gibt es immer noch Kriege und Konflikte (obwohl es weniger werden, auch wenn viele das nicht glauben)? Weil menschliche Gemeinschaften enorm komplex sind. Weil Gefühle und Kränkungen nicht nur in Individuen, sondern auch in kollektiven sozialen Systemen wirken. Wir könnten den Krieg nur „für immer ausrotten”, wenn wir Gesellschaften in Maschinen verwandeln würden. Denn Krieg ist die existentiellste Erfahrung der Gemeinschaft, die sich im Krieg befindet. Es ist die Empathie, die Menschen in den Krieg treibt, nicht der Hass!

Komplex ist vor allem die Liebe. Die Liebe bringt Euphorie und Angst, Verlassenheit und Verletzlichkeit. Sie macht uns glücklich – oder unglücklich. Die Liebe stirbt, wenn wir ihr Scheitern ausschließen wollen. Dann erstarrt sie zu jener seelenlosen Romantik, in der Menschen sich nicht mehr erkennen, sondern sich nur noch als Statisten in ihren inneren Bühnenbildern missbrauchen.

Die bisherigen gängigen Zukunftsbilder suggerieren uns immer eine Aufhebung dieser komplexen Zusammenhänge. Aber keine Technologie, keine App, keine künstliche Intelligenz wird jemals das Risiko der menschlichen Existenz abschaffen. Kein Partner-Algorithmus wird das Mysterium der Liebe lösen. Technologien sind immer Spiegel, in die wir hineinsehen. Wenn sie anfangen, uns zu „erlösen”, dann Gnade uns Gott. Es wäre tatsächlich das Ende der Menschheit.

Komplexität ist das, was das Leben trägt und die Welt im Inneren stabil hält. Komplexität ist das Wesen der Hoffnung. Komplexität ist das, was die Welt, die Gesellschaft in die Zukunft vorantreibt. Je komplexer Systeme sind, desto nach-haltiger und resilienter sind sie, desto mehr Kreativität bergen sie in ihrem Inneren, desto mehr Win-Win-Spiele geschehen in ihnen. Das ist das Prinzip der Emergenz.

Die Welt in fünfzig Jahren? Sie wird nicht wirklich viel anders aussehen als unsere heutige Welt. Sie wird Kriege kennen und Leid. Und Liebe und Hoffnung. Es wird Verschlechterungen geben. Aber auch viele Verbesserungen, vor allem bei Menschen, denen es heute materiell noch sehr schlecht geht. Die ersten Mars-stationen werden sich in den Staub des roten Planeten schmiegen, und auf diesen Stationen wird es zugehen wie auf der Erde selbst. Es wird Trauer geben und Liebe, Langeweile und Routine, Hoffnung und Leid, Gemeinschaft und Differenzierung.

„Wir” werden vielleicht wirklich in vollautomatischen Wohnungen wohnen. Aber eher wohl nicht. Denn vollautomatische Wohnungen werden uns nicht glücklich machen. Wir werden vergessen haben, was so faszinierend daran erschien. Es wird einen kleinen Markt für automatisierte Wohnungen geben, und einige Gadgets, die in jedem Haus selbstverständlich sind. Darüber werden wir so wenig nachdenken wie über die Tatsache, dass es in jedem Haushalt Töpfe und Pfannen gibt. Auch in fünfzig Jahren wird es noch Pfannen und Töpfe geben – wetten? Wir werden uns gleichzeitig neuen Unwichtigkeiten und Scheinproblemen zuwenden, und erneut irren, und scheitern, und neu anfangen…

Am Ende seiner lichtjahrelangen Raumfahrt steht der einsame Raumfahrer aus SOLARIS, dem großen Space-Werk von Stanislav Lem, vor dem Haus seiner Großeltern. Es hat sich kaum verändert in den Äonen von Zeit, seit der Astronaut die Erde verließ. Der Großvater steht am Fenster und schaut in den Himmel, an dem Krähen ziehen. Statt einem primitiven Geschirr steht da nun eine Kaffeemaschine, aus der es auf geheimnisvolle Weise dampft. Alles ändert sich, alles bleibt, während wir in die Zukunft treiben, dorthin, wo wir herkommen. JA, wir können in der Zukunft heimisch werden, wenn wir sie mit dem Schöpferischen in uns verbinden, und uns nicht ängstigen lassen vom ewigen Geheimnis der Welt.

Hinweis:
Gerne dürfen Sie diesen Text nachdrucken oder zitieren.
Wir bitten um Mitteilung an m.nemeth@zukunftsinstitut.de

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