Im Verbesserungswahn

Innovation ist Teil eines wichtigen Lernprozesses, der uns an die Grenzen des technoiden Denkens führt.

Haben Sie schon von „Google Glass“ gehört, der neuesten digitalen Erfindung? Mit dieser Wunderbrille kann man jederzeit alles filmen, was man sieht und in Echtzeit an seine Liebste schicken. Alle Kundenwertungen einer Pizzeria lassen sich sprachgesteuert ins Gesichtsfeld spiegeln, und während des Fahrradfahrens kann man 3-D-Satellitenbilder der Landschaft bewundern, die man durchradelt. Oder man lässt sich in einem medizinischen Notfall von einem Arzt, der Hunderte Kilometer entfernt ist, bei der Lebensrettung assistieren. Natürlich gibt es einen Markt für solche Spielzeuge, aber allmählich begreifen wir, dass es nicht für alles im Leben eine App gibt. Und ein Kontrollgerät für die ganze Umwelt gewisse Nebenwirkungen aufweist.

In Amerika hat gerade ein Buch die Hitliste erklommen, das auf eine sehr kluge Weise die digitalen Über-Mythen entzaubert. In „Click here – and save everything“ setzt sich der Publizist Evgeny Morozov mit dem verbreiteten Glauben auseinander, die digitale Revolution könnte ALLES lösen – von der Demokratiefrage bis zur Ressourcenknappheit, von der Armut bis zu schrecklichen Krankheiten. Morozov analysiert den „Solutionismus“, oder auch Verbesserungswahn: Man sucht nach Problemen, die man unbedingt und mit allen technischen Mitteln lösen muss, und findet Antworten, bevor man überhaupt die richtige Frage gestellt hat.

Die Piraten und ihr Schicksal führen uns vor, wie eine ständige „liquid democracy“ aussehen würde. Etwa so meine Wohngemeinschaft im Jahr 1978 auf permanentem Speed. Alle quatschen durcheinander, jeder ist am Rande eines narzisstischen Zusammenbruchs, weil er schon wieder das Gefühl hat, sich nicht ausreichend „einbringen“ zu können.

Träger wirken nicht supercool

Unser Politiksystem ist nicht zufällig historisch so entstanden: In der Delegation politischer Entscheidungen an Repräsentanten moderieren wir Komplexität und entemotionalisieren Debatten. Politik besteht eben auch in Kompromissen, Rationalität, Zurückstecken. Neue Techniken können Politik verbessern, wenn gleichzeitig eine neue „Soziotechnik“ entsteht. Die Alternative ist der ewige Shitstorm, der jede politische Debatte in ein Rechthaber-Verschwörungs-Genöle verwandelt.

Der Internet-Glaube ist so etwas wie eine rosa Realitätsbrille geworden, die uns vorgaukelt, alles ließe sich technisch lösen. Aber wollen wir wirklich unser ganzes Leben aufzeichnen, so dass wir jede Sekunde nachvollziehen können, jede Botschaft, jeden Ort, jeden Kauf- oder Liebesakt? Wollen wir immer wissen, was der andere tut? Ohne Vergessen und Distanz kann das Neue nicht entstehen. Ist wirklich sinnvoll, dass alles, jedes Buch, jeder Laden, jede Person unaufhörlich verlinkt, gerankt, geliked oder dis-liked wird?

Google Glasses wird sicher kein Flop. Die Innovation ist vielmehr Teil eines wichtigen Lernprozesses, der uns an die Grenzen des technoiden Denkens führt. Die Marktentwicklung wird ungefähr so ausgehen wie die des gyroskopischen Elektrorollers Segway. Der sollte vor einem Jahrzehnt „die urbane Mobilität revolutionieren“. Heute sieht man bisweilen Touristen mit diesem Wundergerät durch Großstädte surren. Irgendwie hat das Ding, sorry, den Charakter einer Prothese. Google Glasses hat schon heute diesen Effekt. Wer sie trägt, wirkt eben nicht supercool. Sondern wie ein Nerd.

3 comments for “Im Verbesserungswahn

  1. Tom
    12/07/2013 at 12:29

    Es ist schon erstaunlich, dass die Diskussionen über neue technische Möglichkeiten meist im Kreis der Begrifflichkeiten von Problemen und entsprechenden Lösungen geführt werden ohne eine Reflexion über die damit verbundenen Werturteile. Vielleicht wäre es sinnvoller, wenn wir statt dessen von Werkzeugen und deren Benutzung sprechen?
    Dann ginge uns möglicherweise auch auf, dass wir – die Benutzer – es sind, die über deren Verwendung entscheiden und deren Wert in Abhängigkeit davon bemessen, wie gut sie UNSERE Zwecke erfüllen.

    Der Lerneffekt ist dann nämlich, dass wir nicht länger über Debatten über „gute“ oder „schlechte“ Technik sprechen, so als ob es die Mittel wären, die über ihre eigenen Zwecke entschieden. Und mit ein wenig mehr Sensibilität gegenüber der pragmatischen Bedeutung würde der Blick sowohl auf das Überschusspotenzial jedes Werkzeugs in Bezug auf zahlreiche weitere und zur Zeit seiner Erfindung nicht bedachter Einsatzmöglichkeiten als auch darauf lenken, dass letzlich wir es sind, die über den Erfolg oder Misserfolg der Verwendung urteilen.

    So ließe sich fernab aller Anpreisungen über Display-Auflösung, Akkulaufzeit und verfügbaren Apps bei Smartphones bspw. auch ein Vergleich anstellen, ob sich das neue Gerät ebenso gut zum Öffnen von Kronkorken eignet wie das „beinahe noch aus dem letzten Jahrtausend“ (um mal Bastian zu zitieren) stammende Handy. Wie liegt es dabei in der Hand? Ist es robust genug, um regelmäßig auf Grillparties mit Freunden als Flaschenöffner zu dienen oder war das alte Schweizer Taschenmesser doch der bessere Allrounder?

    Und gibt es eigentlich eine App, mit deren Hilfe man die korrekte Benutzung des smarten Helfers für die wirklich wichtigen Herausforderungen des Alltags lernen kann? – In diesem Sinne: Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes (nicht nur bei der Nutzung deines Smartphones) zu bedienen!

  2. Jörg
    18/06/2013 at 15:47

    Apropos Segway: für die urbane Mobilität gibt es schon seit längerem eine Lösung, die ganz ohne Elektronik auskommt und sogar in Afghanistan funktioniert: nennt sich „Fahrrad“!

  3. Bastian
    10/05/2013 at 1:50

    In diesem Kontext ist der futuristische Kurzfilm „Sight“ von zwei isrealischen Studenten zu empfehlen (einfach nach „Sight“ auf Youtube oder Vimeo suchen, knapp 8 Minuten Länge).

    Hier werden die Chancen aber auch die Gefahren einer überspitzt „gamifizierten“ Welt anhand einer futuristischen „Augmented Reality“-Kontaktlinse dargestellt. Persönlich sehe ich in „Google Glass“ oder ähnlichen Produkten jedoch etwas mehr Potential als in einem Segway: Solche augmentierten Geräte bieten weitaus vielschichtigere Anwendungsmöglichkeiten, von Enter-/Info-/Edutainment, Personal Coaching, Socializing, Exploring, Navigating bis zu schlichtem Scheduling (mehr schicke Anglizismen fallen mir gerade nicht ein).

    Sie sind nur ein weiterer Zweig in der Technolution der „Omni-Tools“, heute noch unter „Smartphones“ bekannt. Ich verfolge diese Entwicklung mit großem Interesse (obwohl mein persönliches Handy beinahe noch aus dem letzten Jahrtausend ist).

    Auf jeden Fall befassen sich schon Künstler und Kreative mit den Auswirkungen solcher Geräte, neben dem oben erwähnten Kurzfilm ist auch das Videospiel „Watch Dogs“ zu nennen (Trailer ebenfalls auf Youtube).

    Es sprach ein Nerd, dem es egal ist, ob er „supercool“ wirkt oder nicht.

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