Im Dichtestress

Der Soziologe Georg Simmel schrieb bereits 1903 darüber, wie die Steigerung des Nervenlebens jeden in einen überforderten Selbstdarsteller verwandelt. Betrachtet man die gegenwärtigen Skandale, so scheint sich daran nichts geändert zu haben.

Gehören Sie auch zu denen, die mit dem Edathy-Skandal nichts anfangen können? Die sich einerseits langweilen mit diesem ewigen Politiker-Sagen-Etwas-über-das-Was-Politiker-oder-Journalisten-sagen, das seit einer Woche alle Kanäle verstopft? Sich andererseits aber fragen: Wie kommt so etwas zustande?

Ein Politiker bestellt Bilder kleiner Jungs. Das disqualifiziert – egal, auf welchem Level der Verbotenheitsskala – für ein Staatsamt. Ein Minister hat das der Partei gesteckt, zu der dieser Politiker gehört. Das war kollegial, aber heikel; was man sagt oder nicht sagt, ist immer falsch. An diesem Punkt müsste man einen erwachsenen Strich ziehen: Okay, es ist schwierig. Schluss jetzt, es sollen die Gerichte ermitteln.

Stattdessen beginnt ein ungeheures Schnattern und Plappern und Wabern; Meinungen werden über Meinungen getürmt. Der Ex-Innenminister muss zurücktreten, das Jauch-Will-Plasberg-Strafgericht tagt, dort ist vom „Durchstechen“ die Rede, von „ungeheuren Vorgängen“, von der „Krise der großen Koalition“. Prompt bringt der Spiegel das gesamtideelle Spiegel-Titelbild: Staatsaffäre! Aber das Ganze bleibt so unnütz wie der letzte „Tatort“ am Sonntag.

Der wahre Grund für diese Eskalation ist womöglich das, was in der Schweiz als Begründung für den grantigen Ausländer-Entscheid diente: Dichtestress. Der deutsche Soziologe Georg Simmel schrieb über dieses Phänomen bereits in seinem 1903 erschienenen Werk „Die Großstädte und das Geistesleben“. Er schilderte am Beispiel Berlins, wie die „Steigerung des Nervenlebens“ jeden in einen überforderten Selbstdarsteller verwandelt.

„Der Mensch ist unfähig, im Gewimmel der Eindrücke alles angemessen zu verarbeiten; er reagiert mit Blasiertheit.“ Und weiter: „Weil die Begegnungen auch immer so kurz sind, will sich der Einzelne speziell, pointiert, geben. (…) Andererseits setzt sich das Leben doch mehr und mehr aus diesen unpersönlichen Inhalten und Darbietungen zusammen; … es muss dieses übertreiben, um nur überhaupt noch hörbar, auch für sich selbst, zu werden.“

Analogien aus der Biologie fallen einem ein: Solche Skandale sind wie eine Entzündung, mit der der Körper sich durch Über-Reaktion selbst schädigt. Eine Allergie gegen imaginierte Reizstoffe aus Mangel an echten Reizen. 100 Jahre nach Simmels Analyse kommt auch noch der digitale Dichtestress hinzu, der jede Distanz in scheinbare Nähe verwandelt. Tausende von Futterempfängern sind um diese Mega-Dschungelshow „Berliner Politik“ versammelt, Diven der Denunzierung, Eminenzen der Empörung, Symbionten der Skandalisierung. „Die Atrophie der individuellen durch die Hypertrophie der objektiven Kultur ist ein Grund des grimmigen Hasses“, formulierte Simmel. Man ahnt, dass das Theater nicht neu ist: Der intrigante Skandalismus ruinierte schon ganze Kulturen, vielleicht schon vor zweitausend Jahren die römische Demokratie.

Ein funktionierendes Gemeinwesen kennt Techniken der Mäßigung, der Selbst-Moderation. Es weiß, wann es Zeit ist innezuhalten. Das ist der wahre Schlüssel zur Zukunft. Fast scheint es ein Trost, dass irgendwann wieder die Wirklichkeit Einzug in die Politik halten wird. In Form von echten Krisen. Verdammt! Darf man sich echte Krisen tatsächlich wünschen?

Berliner Zeitung, 19. Februar 2014

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