Geniale Dilettanten

Es ist wirklich rührend anzusehen, wie die Piraten den medialen Eingemeindungs-Ritualen anheimfallen, wie sie verstanden, gestreichelt, gehätschelt, befremdet und beargwöhnt werden. Zum Beispiel in der Talkshow von Anne Will am Mittwoch. Während die ewige Hornbrille Roger Willemsen alles pirateske altherrenhaft guthieß, der CDU-Vertreter im Zustand heiterer Selbstbeklagung verharrte („Wir haben natürlich diese Themen nicht verstanden!”), und Bärbel Höhn von den Grünen unentwegt beleidigt wirkte, kippte die Debatte nach kaum einer halben Stunde in das übliche Kasperletheater um. Parteienstreit. Gehacke zwischen CDU und FDP. Europa! Steuerpolitik! Medienschelte! Der nette Piraten-Nerd musste nur dasitzen und grinsen. Sein knapper Kommentar „Wenn ihr so weitermacht, ist es doch ganz klar, dass wir immer stärker werden!”, ging im Getöse unter.

Was unterscheidet die Piraten von allen anderen politischen Bewegungen? Dilettantismus. Stammt aus dem lateinischen delektare – sich erfreuen – und hatte früher nicht den denunziatorischen Beiklang wie heute. Ein Dilettant konnte durchaus vollendete Kenntnisse und Fähigkeiten erlangt haben. Er hatte bloß keine formale Ausbildung, keinen „Abschluss”. Vor zweihundert Jahren diente das Wort als Bezeichnung für eine Leidenschaftlichkeit, die sich von der Dekadenz des Adels, seiner Blasiertheit, unterschied.

Heute verändert sich die Welt schnell in Richtung Komplexität, und nun wirken die Parteien wie blasierte Adelige, die auf ihren ideologischen Fürstentümern hocken. Die Dogmen von vorgestern, ob rot oder schwarz oder grün oder gelb, sind schlicht unterkomplex. Die Profis der Finanzmärkte, die seriösen Ökonomie-Professoren, sind auf ihren Gewissheiten sitzengeblieben wie auf einem Haufen faulender Bananen. Nur guter Dilettantismus ist in dieser Situation in der Lage, nach vorne zu sehen.

Die Legalisierung von Drogen zum Beispiel. Ein Tabu! Offenbar hat keiner mitbekommen, dass es globale Initiativen von Wissenschaftlern und Politikern gibt, die in Legalisierung die einzig mögliche Perspektive der Drogenbekämpfung sehen. Zum Beispiel ist Kofi Annan ein Befürworter. Oder der englische „Economist”.

Fahrscheinlose Fahrt im öffentlichen Nahverkehr? Naiv! Aber schauen wir mal genauer hin. Eine Verkehrsumlage auf alle, wie die Piraten sie skizziert haben, würde jede Menge teure Kontrollen überflüssig machen. Könnte dies auf Dauer nicht zu einer Belebung und „Kulturisierung” der öffentlichen Räume führen, womöglich zu einer ganz anderen urbanen Mobilitäts-Kultur? Starbucks in Straßenbahnen, Internet-Cafes in allen U-Bahnen, Galerien in Unterführungen?

Das Internet nicht nur als weiteres Marketing-Instrument, sondern als Grundlage neuer Demokratieformen? Man könnte sich ja „einarbeiten”, wenn man davon noch keine Ahnung hat. Dilettantismus ist eine Arbeitsmethode der fragenden Neugier. „Evidence Based Politics” nennen Systemwissenschaftler eine neue Methode, Politik nicht moralisch oder ideologisch oder „prinzipienhaft” zu verstehen, sondern als gelenktes Experiment. Genau in dieser Phase sind wir heute: Wir müssen den Weg in die Zukunft tastend finden, wenn es eine Zukunft geben soll. In komplexeren Welten sind wir alle Dilettanten.

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