Floppologie der Zukunftsforschung

In ein paar Jahren steht in jedem Keller ein Drei-D-Drucker? Träumen Sie weiter.

Dass sich der innovative Zyklus der Informationstechnologien seinem Ende zuneigt, kann man am Motto der Cebit sehen: Shareconomy. Immerhin ist das deutlich mehr als das übliche „Kleiner, schneller, vernetzter, noch digitaler!“, das die Branche in den letzten Jahren wie ein Mantra vor sich hertrug. Zum ersten Mal fragt man sich auf Industrieseite ernsthaft, wie digitale Welt und soziale Welt interagieren. Gut so und spannend!

Ein weiteres neues Thema der digitalen Welt ist derweil auf gutem Wege, zum Super-Zukunfts-Hype zu werden: Das Drei-D-Drucken. „In wenigen Jahren“, so liest man es überall, „wird in jedem Keller ein Drei-D-Drucker stehen, auf dem man Dinge des alltäglichen Bedarfs selbst herstellt!“ Das nennt sich „Fabbing-Revolution“: Nicht mehr die kapitalistischen Fabriken produzieren unsere Dinge, sondern wir in kreativ gesharter Eigenarbeit.

Wirklich? Wir erinnern uns unwillkürlich an das Drei-D-Fernsehen im Wohnzimmer für alle, das heute auch schon wieder kalter Kaffee ist. Oder an die Vision, dass jeder einen Fernsehkanal aufmacht, weil das ja nun ganz billig ist.

Nicht jede technische Möglichkeit ist alltagstauglich

Mal ehrlich: Wollen wir wirklich in unserem Keller Alltagsdinge selbst herstellen? Sicher: Einige Freaks und Nerds wollen das. Gebastelt wurde im Keller schon immer, ob es sich um Modelleisenbahnen oder Pornofilme oder Lötarbeiten handelte. Aber ist es in einer arbeitsteiligen Gesellschaft nicht einfach gut und bewährt, dass derjenige einen Markt erschließt, der etwas Besonderes besonders gut herstellen kann?

Natürlich könnte ich mir in fünf oder zwanzig Jahren einen Toaster oder eine Apfelsinenpresse oder eine Türklinke im Keller selbst molekularisieren. Aber ich ahne, dass es praktischer und weniger anstrengend bleiben wird, all das Zeug, das man zum Leben braucht (und das, was man nicht braucht) via Internet zu bestellen.

Für unser Verständnis der Zukunft brauchen wir vor allem so etwas wie gesunden Menschenverstand. Nicht jede blendende technische Möglichkeit wird eine Alltagsrevolution. Kontexte sind wichtig, Psychologie, Feinheiten des „komparativen Vorteils“: Technologien müssen schon etwas ernsthaft NEUES bringen, das uns befreit und entlastet, wollen sie eine Revolution auslösen.

In der Abteilung „Floppologie“ unserer Zukunftsforschung häufen sich die Leichen des technischen Fortschritts. Flugautos, sprachgesteuerte Türklinken, Humanroboter für den Heimgebrauch. Am Ende bleiben Menschen immer sinnliche, analoge Wesen. Das „fabbing“ ist eigentlich längst schon da. Es nennt sich altmodisch Do-it-yourself-Bewegung. Es heißt Stricken, Schneidern, Häkeln, Schnitzen, Kleben, Puzzlen, Basteln, Backen und Wecken.

Längst gibt es für das Heimgemachte und individuell Gefertigte erfolgreiche eigene Verkaufs-Websites, wie Dawanda oder Etsy. Die große Szene, die diese Mikroproduktion betreibt, liebt den Umgang mit Händen und Material. Sie wird sich höflich bedanken, wenn man ihr eine Maschine hinstellt, in der sie die kuschelige Stoffpuppe „fabben“ kann.

PS: Drei-D-Drucken wird den Produktionsprozess revolutionieren. Aber nicht im Keller. Sondern in neuen manufakturellen Möglichkeiten (beim Zahnersatz, im Prototyping) und dort, wo Massenproduktion immer mehr mit individueller Fertigung verschmilzt: in den Fabriken.

1 comment for “Floppologie der Zukunftsforschung

  1. Peter
    11/03/2013 at 17:01

    Hallo Herr Horx, vielen Dank für den Kommentar.

    So sehen wir das auch. Die Hürde Datenerstellung wird nicht jeder nehmen können.

    Außerdem stellt sich immer das Thema der Urheberrechte und geistiges Eigentum am Datensatz.

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