Familie à la carte

Der Wunsch, sich fortzupflanzen, ist ein Urinstinkt. Das Recht, Eltern zu werden, ein Menschenrecht. Doch nicht immer klappt es auf natürlichem Weg. Die Reproduktionsmedizin bietet heute viele Hilfen. Was bedeutet das in Zukunft für unsere Vorstellungen von Liebe und Familie?

Vor 100 Jahren sagte die Futuristin Charlotte Perkins Gilman ein Utopia voraus, in der Frauen keine Männer mehr bräuchten, um sich fortzupflanzen. Heute brauchen nicht mal mehr die Männer eine Partnerin dafür – nur eine Leihmutter. Aber was passiert mit unseren Gefühlen, wenn wir Reproduktion vom Sex trennen? Was bedeutet das für Beziehungen und Familie?

Vor Kurzem traf ich zufällig Sarah, eine alte Freundin, mit ihrem Baby. Jahrelang hatte sie versucht, schwanger zu werden. Jetzt verkündete sie stolz, dass ihr Sohn einen biologischen Vater habe,
ihren Partner, und drei Mütter: eine anonyme Eizellspenderin, eine afroamerikanische Frau, die das Baby zur Welt gebracht hat, und sie selbst, die Schweizer Mutter, die die ganze Empfängnis übers
Internet organisiert hat. Mich überraschte, wie niedergeschlagen sie aussah.

Bis zu dem Moment, als sie das Baby bekam, war es eine Organisationsübung gewesen, aufregend – und abstrakt. Keinen Babybauch zum Streicheln, keine Tritte, die man spüren konnte … Und
dann war er da. Schreiend, wie Babys das tun. Sie fiel in eine postnatale Depression, nur ohne die Geburt erlebt zu haben. Ihre Ehe litt, auch weil sie die Verbindung, die ihr Mann zu seinem biologischen Kind spürt, eifersüchtig machte.

Eine andere Freundin, Vanessa, war Ende 30, als eine ernsthafte Liebe endete. Da begann ihre biologische Uhr laut zu ticken. Als sie online ihren Mann kennenlernte, war klar, Steve und sie
wollten Kinder, und zwar schnell. Zuerst probierten sie es einfach, nach einem Jahr dann mit In-vitro-Fertilisation. Als das nichts half, suchten sie im Ausland nach einer Eizellspenderin.

Beim ersten Versuch wurde Vanessa mit Zwillingen schwanger. Während der Schwangerschaft sagte sie, wie seltsam es sei, genetische „Aliens“ in sich zu tragen. Das Stillen half ihr dann, gelegentliche Fremdheitsgefühle zu überwinden, und Steve hatte als genetischer Vater sofort eine enge Verbindung zu seinen Jungen. Ein Jahr später kam ein Anruf aus der spanischen Klinik. Was mit den restlichen befruchteten Eizellen passieren solle, die könnten nicht dauerhaft aufbewahrt werden?

Es folgten schwierige Wochen der Diskussion und einige Therapiesitzungen, bis sie die Erlaubnis gaben, die Eizellen zu vernichten. Vanessas und Sarahs Geschichten sind heute nichts Ungewöhnliches mehr. Trotzdem gibt es noch ein soziales Stigma, das sie vorsichtig macht. Beide holen sich Hilfe in einer Therapie, für die Beziehung zu ihren Kindern – und zu ihren Partnern. In Zukunft wird es mehr Paare wie sie geben, schwule und lesbische Paare, männliche und weibliche Singles und Frau nach der Menopause, die alle legal das Menschenrecht in Anspruch nehmen, Eltern zu werden.

Und so, wie sich Einstellungen und Gesetze ändern, wird es einer breiter gefassten legalen Definition bedürfen, was Familie bedeutet. Es wird mehr spezialisierte Selbsthilfegruppen geben und andere Hilfe, je mehr wir über die psychologischen und sozialen Effekte dieser Familie à la carte lernen. Eines Tages werden dann Kinder wie diese vielleicht auf dem Spielplatz prahlen können, dass sie mehr als eine Mutter und einen Vater haben.

Kolumne „Future Love“, August 2014, emotion

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