Es lebe der Fußballfrieden

Die latente Bereitschaft zum Bürgerkrieg kann kaum besser kompensiert werden als durch sinnloses Ballern und Dribbeln, meint unser Autor. Warum Fußball in der langen Geschichte der Menschheits-Befriedung immer schon eine wichtige Rolle gespielt hat.

Nein, dies ist nicht die zweimillionste Kolumne über die Schusshemmung von Özil oder die dröge Frage, ob man via rundes Leder Nationalstolz haben „darf“. Dies ist eine Hommage an den Fußball als Friedensstifter durch symbolischen Krieg. Laut Steven Pinker, der ein wunderbares Buch über die menschliche Gewaltgeschichte geschrieben hat, leben wir im friedlichsten aller Zeitalter. Auch wenn das angesichts von Bildern aus Afghanistan oder Syrien niemand glauben mag: Noch niemals in der Geschichte kamen so wenig Menschen durch Menschenhand ums Leben wie heute!

Ein Grund dafür ist Fußball. Wie sonst könnte man diese latente Bereitschaft zum Bürgerkrieg, die auch in modernen Gesellschaften nicht verschwindet, besser kompensieren, als durch dieses absurde Dribbeln und Checken und Faulen und Ballern muskulöser Männer?

Irgendwo muss diese Energie des Rudels ja hin. Erinnert das Leuchten in den Augen der bemalten Anhänger im Stadion nicht an die bemalten Stammeskrieger, die bis vor (im Maßstab der Evolution) Kurzem noch mit Messern und Speeren aufeinander losgingen? Das Trommeln und Grölen, die ganze freudige Dopamin-Erregung, das Beschimpfen des Gegners in Fäkalsprache (selbst Frauen beherrschen das inzwischen) bis hin zum Abfackeln gegnerischer Fahnen – es lebe das Stadion als geschützter Raum.

Auch die „Youth-Bulge“-These des Historikers Gunnar Heinsohn sollte uns zu denken geben. Demnach entstehen die schlimmen Entzündungen der Gewalt heute nur noch in den Ländern mit einem massiven männlichen Geburtenüberschuss. Viele arbeitslose zornige junge Männer zwischen 20 und 35 führen automatisch zum Bürgerkrieg.

Die Geburtenraten Syriens, Libyens und Palästinas lagen vor 20 Jahren um 7 Kinder pro Frau. Nach Heinsohn ist es so gut wie hoffnungslos, diesen mörderischen Zorn einhegen zu wollen. Noch nicht einmal die amerikanische Armee mit ihren vielen sozial unterprivilegierten, aber hochtrainierten Soldaten kann das.

Fußball hat in der langen Geschichte der Menschheits-Befriedung immer schon diese Rolle gespielt. Der englische Klassenkampf, früher mit Eisenstangen und Dynamit ausgetragen, erhielt durch Fußball die Gestalt Rooneys. Das Ruhrgebiet bleibt solange gemütlich, wie Borussia von einem cleveren Späthippie (wahrscheinlich ein BKA-Agent) geführt wird. In Glasgow und Edinburgh treten noch heute die Teams im Namen des katholischen oder evangelischen Glaubens gegeneinander an. Die Anzahl der Toten bleibt gottlob limitiert.

Und wer, möchte man mit einer Schweizer Kräuterzuckerwerbung fragen, hat’s erfunden? Na klar, die Griechen. Vor 2700 Jahren fanden im alten Olympia die ersten Wettkämpfe als Kriegsersatz statt. Die immer wieder kriegführenden hellenischen Stadtstaaten versuchten dort, durch symbolische Kämpfe auf eine höhere Ebene der Integration zu kommen. Die Todesraten bei Ringkampf, Faustkampf und Diskuswerfen waren anfangs hoch. Wer gewann oder verlor, wurde bisweilen in den Kerker geworfen oder den Göttern geopfert. Die besten Olympischen Spiele gab es in den Zeiten des Krieges gegen die Perser, der Hellas politisch für kurze Zeit vereinte.

So gesehen stiftet Fußball Zukunft. Und wir können ach dem Finale am Sonntag endlich die Vereinigten Staaten von Europa ausrufen. Damit endlich Ruhe ist.

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