Ein Schwein für Vanuatu

Warum blenden wir in unserer Zukunftsbetrachtung positive Trends häufig aus? Optimistische Überlegungen angesichts der Katastrophe von Vanuatu.

Nach dem „Happy Planet Index“ leben auf dem Archipel Vanuatus die glücklichsten Menschen der Welt. Eine vielfältige Südsee-Kultur mit einem berühmten Glücksbringer-Symbol. Bei Besuchen bringt man gerne ein lebendiges Schwein als Präsent vorbei. Wir dürfen sicher sein: Solche Leute werden ihr Land – mit ein bisschen internationaler Hilfe – nach dem verheerenden Sturm wieder aufbauen. Optimismus lässt Menschen sogar aus Katastrophen gestärkt hervorgehen. Also fleißig spenden! (Spenden nimmt unter anderem das Deutsche Rote Kreuz bei der Bank für Sozialwirtschaft unter dem Stichwort „Zyklon Pazifik“ entgegen. BIC: BFSWDE33XXX und IBAN: DE63370205000005023307)

Liest man allerdings die Kommentare im Netz, dann ist der Sturm von Vanuatu nicht mehr als ein Exempel. „Wieder mal ein Beweis dafür, dass sich die Menschheit auf dem absteigenden Ast befindet.“ – „der Kapitalismus eben unfähig ist, die Klimakatastrophe zu verhindern …“ Diese Naomi-Klein-Sahra-Wagenknecht-Logik bildet inzwischen den Konsens der öffentlichen Meinung. Er besagt: Empathie ist zweitrangig. Wichtig ist an einem negativen Ereignis vor allem, was uns „wieder mal“ bestätigt wird. Siehe Griechenland. Siehe Fukushima. Siehe alle Übel der Welt.

Gestern flatterte eine kleine Meldung über den Bildschirm: „Die CO2 -Emissionen des weltweiten Energiesektors nehmen 2014 nicht mehr zu.“ Das meldet die Internationale Energieagentur IEA. Anders als in den 40 Jahren zuvor sei die Ursache aber keine Wirtschaftskrise. Es deute auf eine Entkopplung von Wachstum und Treibhausgas-Ausstoß. „Vielleicht ist die Menschheit doch fähig, beim Kampf gegen den Klimawandel zusammenzuarbeiten“, sagte IEA-Chefökonom Fatih Birol.

Wie bitte? Wurde uns nicht jahrelang eine Explosion der CO2 -Ausstöße prophezeit? Dabei hat sich längst einiges in die richtige Richtung bewegt. Ausgerechnet Fracking hat zu einem Abfall der CO2-Ausstöße Amerikas geführt. Dort haben sich Hunderte Städte zu Zero-Carbon-Programmen verpflichtet. In China werden jedes Jahr doppelt so viele Wind- und Solarkapazitäten freigeschaltet wie in ganz Europa. Auch in Europa sinken die CO2 -Werte (auch wenn Deutschland noch Probleme mit der Braunkohle hat). Statt explodierender Rohstoffkosten haben wir heute einen rapide fallenden Ölpreis. Das liegt auch daran, dass die Effizienz steigt und die erneuerbaren Energien spürbar vorankommen. Die Steinzeit ist ja auch nicht am Mangel an Steinen zu Ende gegangen…

Warum blenden wir in unserer Zukunftsbetrachtung solche positiven Trends konsequent aus? Wenn der „Carbon Peak“ viel näher läge als gedacht, müssten wir womöglich unser ganzes Weltbild revidieren. Dass „der Mensch unfähig ist, seine Zukunft zu bewältigen“ erwiese sich wieder einmal als jene negative Besserwisserei, in dem man sich so wunderbar einrichten kann. Wir spielen allzu gern den apokalyptischen Hausmeister. Die zweite Illusion: Wenn wir uns nachhaltig verhalten, gibt es keine verheerenden Unwetter und Katastrophen mehr. Dann haben wir das Schicksal unter Kontrolle. Die Vanuataner wissen, dass das nicht stimmt. Ihr Inselreich ist immer wieder mal untergegangen. Aber begründete Hoffnung ist nicht auszurotten. Darauf bringen wir ein Schwein mit!

Erschienen am 18.03.2015 in der Berliner Zeitung

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