Eheleben – leicht gemacht

Wäre es nicht an der Zeit, etwas Neues auf dem Schlachtfeld der Liebe zu versuchen? Aus Frankreich kommt der Vorschlag der „Ehe light“.

Unsere Bekannte S. hat nach 25 Jahren Ehe erkannt, dass sie “in Wahrheit mit diesem Typen nichts verbindet“. Freundin Christine hat nach ihrer dritten Scheidung mit 65 die Online-Agentur Parship entdeckt und mailt ausführliche Lebensberichte an angebliche Ärzte. Georg und Karin machen eine Auszeit, sie ist – vorübergehend – aus der gemeinsamen Wohnung ausgezogen. Von Herbert und Juliane munkelt man, dass Juliane mit einer Frau… Wo man auch hinblickt im Bekanntenkreis, die fundamentale Institution Ehe scheint nicht besonders zukunftsfähig. Auch „50 Shades of Grey“ verbessert die Lage nicht wirklich.

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Und jetzt auch noch das: Ehe light. Raffiniert, diese Franzosen. Ignorieren einfach ihre Staatsschulden, während ihre Ministerinnen die kürzesten Röcke der Welt tragen. Und Affären im Staatsamt halten sie irgendwie für normal. Von jenseits des Rheins also kommt dieser perfide Vorschlag von der leichten Ehe. „Pacte civil de solidarité“ (Pacs). Eine sehr spezielle Form des Konkubinats. Der Vertrag regelt rechtliche Probleme des Zusammenseins – Krankenhausbesuch, Zeichnungsberechtigung – lässt aber die Hardcore-Regeln der Ehe aus: Kindererziehung, Unterhaltspflicht, Vermögensteilung. Interessant ist, dass Ehe light nicht als geplantes Konstrukt entstand, sondern sich evolutionär entwickelte. Gedacht war es für Homosexuelle, nun sind die Heteros begeistert.

Fast 50 Prozent wählen diese Form der Ehe, die meisten blieben dabei. Neue Sitten, neue Gesetze. Heute sitzen bärtige Männer in Frauenkleidern in den Talkshows, ohne dass die CSU ausrastet, keine Fernsehserie käme ohne Seitensprung, Schwulen-Outing und Patchwork-Freuden aus.

Elternschaft hat sich längst von der Ehe emanzipiert. Am intensivsten kümmern sich oft Geschiedene um ihre Kinder. Wir leben in Zeiten der seriellen Monogamie. In den großen Städten haben Männer und Frauen im Durchschnitt zehn ernsthafte Beziehungen, bevor sie sich für eine Lebenspartnerschaft entscheiden. Und danach auch noch einige.

Wäre es nicht an der Zeit, etwas Neues auf dem undeklarierten Schlachtfeld der Liebe zu versuchen? Die Möglichkeit des moderierten Bindungsvertrages würde eine heilsame Reflexivität erzeugen. Menschen, Paare, Liebende, würden über das Maß ihrer Verbindlichkeit nachdenken müssen.

Das romantische Dilemma, das auch die Internet-Generation noch quält, könnte gemindert werden. Einerseits sind wir alle klüger geworden, was die Kunst der Liebe betrifft. Andererseits wird Heirat in geradezu grotesker Weise romantisiert und verkitscht, so dass man nur noch Scheitern kann.

Doch wir ahnen es schon: Alternative Liebesverträge werden sich, zumindest auf staatlicher Ebene, in Deutschland allenfalls wieder mit 25 Jahren Verspätung durchsetzen. Wie Frauenquote, Ganztagsschule oder gleiche Bezahlung. Es ist die typische Mischung aus Romantik, Prinzipialismus und Nostalgie. Wir wollen es gern ewig.

In Sachen Liebe gibt es so etwas wie eine Strafsehnsucht: Dass man einem Menschen mit Haut und Haaren ausgesetzt ist, gilt als höchstes der Gefühle. Vielleicht konnte auch deshalb „50 Shades of Grey“ ein solch durchschlagender Erfolg in Deutschland werden. In Frankreich wurde der Film eher als degoutant empfunden.

Erschienen am 15.04.2015 in der Berliner Zeitung

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