Digitale Mittäter

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Sind nun alle digital verrückt geworden? Ein Youtube-Selbstdarsteller mit 1,2 Millionen Anhängern bietet seine Dienste an, deutsche Zugführer nach Auschwitz zu fahren – 40.000 Likes. Im braven Passau werden Fensterl-Wettbewerbe von Gleichstellungsbeauftragten kritisiert, die daraufhin einen brutalen Shitstorm ernten. Ein Professor in Berlin wird anonym im Netz denunziert. Als die Lifestyle-Kolumnistin einer NRW-Lokalzeitung empfiehlt, Kinder nicht auf Schwulenhochzeiten mitzunehmen, bricht das Netz mit „Schlampe“, „Faschistenschwein“ und „sofort feuern“ über sie herein! Prompt verliert sie ihren Job.

Der Internet-Guru Jaron Lanier, der 2014 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels bekam, schrieb neulich: „Ich betete für ein zukünftiges Netz, das demokratisch, schön und spirituell war.“ Er nennt das Shitstorm-Problem den „Meuteschalter“. Was aber ruft unentwegt die Meute, den tobenden Mob auf den Plan?

Das Internet ist eine der letzten Utopien. Es gilt als brandneu, aber Menschen sind uralt. Das Netz hat immer eine spezifische Illusion von sozialer Entgrenzung genährt: alles geht! Man sieht denjenigen, den man beleidigt, nicht mehr in die Augen. Durch Anonymität wird persönliche Aggression kostenfrei gestellt. Das Netz züchtet so Superspießer, Hausmeistertypen, Verbalschläger, narzisstisch Gestörte. Gesellschaftliches Leben ist aber nur in gegenseitiger sozialer Kontrolle möglich. Dadurch, dass wir uns gegenseitig im Ton mäßigen, die Stimme senken.

Der Shitstorm führt Menschen in Diktaturen und Kriege

Verantwortung hat auch das Fernsehen. Dort wird der Rudel-Stil seit langem eingeübt. Gesellschaftliche Debatten werden personalisiert, skandalisiert, polarisiert. WillPlasbergIllnerJauch sind Teil einer Kultur, die jeden Diskurs in eine Erregungs-Bühne verwandelt. Dazu kommen formatgewordene Shitstorms wie „Dschungelcamp“, „Bauer sucht Frau“ oder „DSDS“.

Jon Ronson hat in seinem Buch „So you’ve been publicy shamed“ die großen Shitstorm-Fälle untersucht. Er sprach mit den Opfern, er suchte die Täter auf. Bei denen fand er als Motiv immer einen verzerrten Anspruch an Wahrheit und Gutes. Die Aktivisten der Denunziation scheinen von der Idee besessen zu sein, dass sie der Menschheit einen Gefallen tun. Die tieferen Ursachen, vermutet Ronson, liegen in einem anthropologischen Feedback- Phänomen, das Menschen dazu bringt, sich konform-aggressiv zu verhalten. Der Shitstorm ist also nicht nur eine Fußnote aus der digitalen Spielwiese. Es ist das, was Menschen in Diktaturen und Kriege führt und im Namen höherer Ideen Gräuel begehen lässt.

Das Internet bietet viel – auch Schönheit, Demokratie und Spiritualität. Wir werden es uns von den Trollen zurückerobern müssen. In seinem neuen Werk „Wenn Träume erwachsen werden“ bringt Jaron Lanier eine schöne Metapher: „Das Internet ist oft mit dem Wilden Westen verglichen worden, mit Träumern und Intriganten, mit seinen großen Verheißungen von kostenlosem Land (das natürlich in der Praxis nur durch eine monopolitische Eisenbahn zu erreichen war). Wir haben diese Gratis-Mentalität schon einmal hinter uns gelassen.“ Dazu braucht es allerdings kräftige Sheriffs. Beleidigung, Gewaltandrohung und üble Nachrede sind strafbar. Wer so etwas liked, ist Mittäter.

Erschienen im Mai 2015 in der Berliner Zeitung.

2 comments for “Digitale Mittäter

  1. 01/01/2016 at 1:17

    Internet abschaffen, sofort, weltweit und für immer! Es wundert mich wirklich, warum es nicht schon längst eine Anti-Internet-Bewegung gibt…

    • Alexander Anderst
      05/04/2016 at 16:41

      Zu tief ins Glas geblickt (=> Datum + Uhrzeit!)
      Happy New Year!
      Nur weil einige (bis viele) das Internet misbrauchen, müssen wir nicht wieder ins vor-digitale Mittelalter zurück!
      Nur weil man mit einem Messer auch Menschen umbringen kann, haben wir auch nicht gleich alle Messer verboten – oder?!?!?!

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