Die zwei Klingen der Schere

Jede Woche stimmen die Medien das Scherenlied an – und bejammern das Auseinandergehen der Schere zwischen Arm und Reich. Doch schon das Bild ist falsch.

Keine Woche vergeht, ohne dass in allen Medien das Scherenlied gesungen wird. Die Schere zwischen Arm und Reich geht immer weiter auseinander! „Finden Sie das gerecht?“ fragt Anne Will unentwegt jeden ihrer Gäste zur dreihunderteintausendsten Ausgabe der Talkshow. „Ungerechte Gesellschaft – supergemein!“ Bei Maybrit Illner wurde ein Psychologe aufgerufen, der findet, dass Börsenhändler generell als Psychopathen agieren. Applaus. Man wartet förmlich darauf, dass ein Privatsender eine neue Realityshow startet: „Peitschen Sie den Superreichen!“ Sofort wird die ARD das Format kopieren!

Nun kann kein vernünftiger Mensch gegen eine Gerechtigkeitsdebatte sein. Aber geht es eigentlich darum? Erstens stimmen schon die Bilder nicht. „Die Schere auseinander“ sagt sich süffig, ist aber falsch. Der Gini-Koeffizient, der die Ungleichheit misst, stieg von 2,7 in den 90er Jahren auf knapp unter 3. Damit liegt Deutschland nicht schlecht. Die Armen von heute sind wohlhabender als die Armen von, sagen wir, 1970. Die Zahl der Obdachlosen, also der wirklich Armen, hat sich drastisch reduziert.

Die Reichen werden reicher

Damals roch es im Haushalt mit geringem Einkommen nach Kohlsuppe, heute oft nach Flachbildschirm. Wenn man das Bild mit der Schere unbedingt benutzen will, müsste man also die eine Klinge der Schere fixieren, während nur die andere „ausschreitet“. Denn die Reichen sind tatsächlich reicher geworden – durch Generations-Effekte, Globalisierung, die Wirkungen von Freiheit, Leistung, Zufall, manchmal auch Betrug. Aber auch die Mittelschichten haben dazugewonnen. Wohlstand und Frieden erzeugen immer neue Ungerechtigkeit, weil die Gesellschaft auf neue Weise dynamisiert wird.

Zweitens wird so getan, als sei alles nur eine Frage des Geldes. Die neue Armutsforschung zeigt: Mehr Transfers können nur noch tiefer in die Demütigung führen. Wenn wir demnächst Mindestlöhne einführen (ich bin dafür!), wird das die Frage der Ungleichheit nur deutlicher machen. Das war eine der wertvollsten Erkenntnisse der Hartz-Reformen: Es geht es um einen mühsamen Emanzipationsprozess, der mehr mit Kulturtechniken als mit Geld zu tun hat.

Alle erfolgreichen Anti-Armuts-Reformen, vom Beispiel Skandinaviens bis zum „Bolsa Familia“-Modell Brasiliens, verknüpfen materielle Hilfen mit Bedingungen sozialer Inklusion. Wer Transferleistungen bekommt, hat auch Verpflichtungen. Dazu gehört Kümmern auf Gemeinde-Ebene, zivilgesellschaftliche Initiativen, neue Schnittstellen des Schulsystems, pragmatische, tastende, empirische Experimente zwischen Bürgerengagement und Staat.

All das ist anstrengend und nicht billig. Armut ist ein komplexes Phänomen, und einfache Lösungen wird es nicht geben. Ein intelligenteres Sozialsystem erfordert eine aktive Bürgergesellschaft. Man kann durchaus die Wohlhabenden für ein neues Gerechtigkeitsprojekt gewinnen, das Beispiel Skandinaviens zeigt das. Aber in der polarisierten Debatte geht es stramm zurück in die Vergangenheit. Denunzierung der Reichen, Steuererhöhung, Füllhorn-Politik, populistische Moralisierung. Und in zehn Jahren rennt die Hammelherde wieder in die andere Richtung. Talkshow-Titel heißen dann wieder „Deutschland vor dem Ruin – die erstarrte Gesellschaft!“ Warum ist Zukunft nur so schwer?

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