Die Vershitstormung des Diskurses nimmt zu große Ausmaße an

In Dänemark ist der Direktor des staatlichen Fernsehens, Ulrik Haagerup, angetreten, den öffentlichen Journalismus neu zu erfinden. Seine Mission heißt konstruktiver Journalismus. Es gilt nicht nur die dunklen Seiten der Welt zu zeigen, sondern das Vertrauen in die Zukunft wiederherzustellen.

Shitstorm

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Dieter Nuhr hat die Nase voll. Til Schweiger kann nicht mehr ertragen, wie seine Website von rechten Dumpfbacken erobert wird. Die Vershitstormung unserer öffentlichen Debatten nimmt epidemische Ausmaße an. Längst hat die Niedermach-Logik des Internets auf die großen Medien übergegriffen: Talkshows zu Griechenland sind nur noch Bashing-Inszenierungen, in denen verbal auf Griechen/Politiker/Banken/den Studiogegner eingeschlagen wird. Politische Magazine in ARD und ZDF beweisen jeden Abend, dass wir in einer korrupten, bösen Welt leben, in der nur noch Opfer zu beklagen sind und alle Trends in die Apokalypse führen. Die öffentlich-rechtlichen Comedians, von Pelzig über „heute-show“ bis Nuhr, sind längst nicht mehr lustig. Ihr Humor dient zunehmend als Applausmaschine für eine dumpfe Dagegen-Mentalität, in der alle Politiker korrupt sind und die Welt zum Teufel geht. Kritisches Bewusstsein im Jahr 2015 neigt zum Grölen.

Als sensibler Mensch mit Interesse an der Zukunft fragt man sich, wohin diese Spirale führen soll. Eine Entwicklung wird vom US-Medienportal Vice News abgedeckt – ein gigantisches Start-up, das derzeit alle Quoten abräumt und die tradierten Medien massiv unter Druck setzt. Das Portal praktiziert einen Journalismus, in dem mehr eingeordnet, gewichtet, abgewogen wird. Alles geschieht nur aus subjektiver Betroffenheitssicht. Was knallt, wird gesendet. Die Zukunft des Journalismus? Wohl auch.

Der gute Gegen-Trend kommt, wie so oft, aus dem Norden. In Dänemark ist der Direktor des staatlichen Fernsehens, Ulrik Haagerup, angetreten, den öffentlichen Journalismus neu zu erfinden. Seine Mission heißt Konstruktiver Journalismus. Die rechtlich-öffentlichen Medien, so Haagerup, richten auf Dauer Schaden an, weil sie den selben Gesetzen unterliegen wie der Boulevard und der Shitstorm. Sie zeigen die Welt nur von der dunkeln Seite, und damit leisten sie einem gefährlichen gesellschaftlichen Pessimismus Vorschub. Haagerup plädiert leidenschaftlich für eine Presse und ein Fernsehen, „das in der Lage ist, das Vertrauen in konstruktive Lösungen, in die Zukunft, wiederherzustellen“. Auf vielen Medienkonferenzen bekam er mit diesem Ansatz von „Constructive News“ tosenden Applaus. In Deutschland ist er, wie alles Konstruktive, kaum bekannt.

Haagerup geht es nicht darum, das Negative zu verschweigen. „Es ist der Job von Journalisten, nach dem kaputten Zeug zu schauen. Aber die Schattenseite ist selten die ganze Wahrheit.“ Statt über den Niedergang des ländlichen Raums zu jammern (und Subventionen zu fordern), veranstaltete das Dänische Fernsehen zum Beispiel öffentliche TV-Veranstaltungen, in denen es um konstruktive Zukunft in der Provinz ging – die Leute machten begeistert mit.

Zum Thema Griechenland würde Haagerups Truppe wahrscheinlich eine große Spiel-Show zur Primetime veranstalten, in der griechische und deutsche Bürger eine Lösung finden müssten – in einer Art Echtzeit-Simulation. Titel: DER WEG AUS DER KRISE. Klischees und Ideologisieren würden zu heftigem Punktabzug führen. Es gewinnt, wer die Zukunft gestaltet, anstatt nur zu nörgeln oder zu hassen. In der Jury: Paul Krugman und Hans-Peter Sinn.

Erschienen im Juli 2015 in der Berliner Zeitung.

1 comment for “Die Vershitstormung des Diskurses nimmt zu große Ausmaße an

  1. 29/07/2015 at 17:42

    Die Zukunft des Internets:

    Grrrrrmppppffffff, hasshasshasshasshasshasshasshass kotzkotzkotzkotzkotzkotzkotz…Gutmenschen…hasshashasshasshasshass…PoliticalCorrectness…hasshasshasshasshasshass grrrrrmpfffff …etc. p. p. ad nauseam.

    Unterdessen, viele Meter tief unter der Erde, im »Panic Room« des CERN in Genf, wo vor einem Vierteljahrhundert alles begann:

    »Ja, die Dinge haben sich nicht so entwickelt, wie wir es uns damals erhofft hatten!«

    »Allerdings… ist denn die Rollback-Funktion jetzt einsatzreif?«

    »Ja, alle Tests verliefen zur vollen Zufriedenheit!«

    »Gut, dann lasst es uns zu Ende bringen!«

    Berners-Lee setzt sich ans Terminal und gibt folgendes ein:

    ./webex all

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