Die Sichtbarkeit des Barbarischen

Noch nie war die Welt so friedlich wie heute. Früher hat man von vielen Katastrophen nichts erfahren, heute ist alles sofort live auf Sendung.

Treiben wir auf ein neues barbarisches Zeitalter zu, in eine Ära von „Dummheit, Verbrechen und Zynismus“, wie die Zeit meint? Diesen Eindruck muss man bekommen, wenn man den Fernseher einschaltet. Die Symbolik der Bilder hat biblische Dimensionen. Menschen fallen vom Himmel, Granaten regnen auf Unschuldige, mit Hightechwaffen ausgerüstete bärtige Idioten bringen, gedeckt von kalten Potentaten, ein Unglück in die Welt, wie wir es im 21. Jahrhundert nicht mehr für möglich gehalten haben.

Und dennoch gilt ein merkwürdiges Paradox: Noch nie war die Welt so friedlich wie heute. Wie bitte?

Die Kriege der Vergangenheit blieben unsichtbar

Die „Killing Fields“ der Vergangenheit waren weitgehend unsichtbar. Vor 40 Jahren ermordete der kambodschanische Terrorchef Pol Pot im Namen des Kommunismus seine halbe Bevölkerung. Die amerikanische Supermacht, mit einer mächtigen Armee ganz in der Nähe, unternahm nichts. Afrikas Stellvertreterkriege in den 80er-Jahren brachten Millionen Tote. Es gab keine Bilder, zumindest keine, die man sehen wollte. In den Nachrichten kam das allenfalls als kurze Notiz.

Es ist furchtbar, dass es Tausende Tote im Syrien-Krieg und einigen afrikanischen Kriegen gibt. Aber in den weitaus größten Teilen der Welt, darunter auch viele ehemalige Konfliktzonen, beschäftigen sich die Menschen heute erfolgreich mit ihrem wirtschaftlichen Aufstieg. Sie bauen Zivilgesellschaften auf, in denen die Kriminalität sinkt, und das Gelungene überwiegt. Doch das Gelungene bleibt medial unsichtbar.

Der Historiker Ian Morris hat in seinem Buch „Krieg. Wozu er gut ist“ eine schwierige Wahrheit aufgezeigt: In Kriegen bildet sich oft eine höhere zivilisatorische Komplexität aus. Deutschland transformierte sich erst nach der Ur-Katastrophe des Zweiten Weltkriegs in eine moderne Zivilisation. Ruanda ist heute ein aufstrebender, fast moderner Staat. Heute zeichnet sich im Nahen Osten neben Israel eine interessante Wende ab. Alte Feinde werden plötzlich zu Verbündeten. Ausgerechnet im Zerfall der Region in ethnisch-religiösen Wahn bilden sich Kooperationen, die vorher unvorstellbar waren.

Die IS – ein Albtraum von Durchgeknallten

Vielleicht ist die IS, dieser Albtraum von durchgeknallten Kindern und Bärtigen, nichts als ein dunkler Spiegel, mit dem sich die arabische Welt ihre eigene Barbarei vorhält. So wie die Ukraine-Separatisten der dunkle Spiegel sind, in den die russische Gesellschaft um keinen Preis hineinblicken will. Auf Dauer kann man eben nicht glitzernde Städte mit internationalen Flughäfen bauen, Hände abhacken und Terror unterstützen. Auf Dauer kann man nicht Fußballweltmeisterschaften austragen und Paranoia als Gesellschaftsprinzip züchten.

Nicht die Barbarei siegt, aber die Konnektivität der Welt nimmt unaufhörlich zu – und damit die Sichtbarkeit des Barbarischen. Wir alle sehen: Das Projekt der Humanität ist unvollendet. „Den Westen“ dafür zu kritisieren, ist einfach. Viele tun dies heute schon im Tenor einer Abschreibung. Aber zum humanen Universalismus gibt es keine lebendige Alternative. Vor 45 Jahren landeten die ersten Menschen auf dem Mond. Eher zufällig richteten die Astronauten ihre Kamera zurück auf die Erde. Und sahen einen wunderbaren Brillanten, eine Heimstadt für alle, im Kontrast zur grauen, staubigen Oberfläche des Mondes.

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