Die Null-Skandale

In der Vorweihnachtszeit geht es zu besinnlich zu. Gehen der medialen Erregungsspirale etwa die Skandale aus?

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht. Mir jedenfalls fehlt in der Zeit vor Weihnachten ein echter Skandal. Etwas, worüber man so richtig vom Leder ziehen kann. Ein bevorstehender Weltuntergang. Oder jemand, den man nach Strich und Faden fertigmachen kann. Einen Politiker zum Beispiel, der sich von Lobbyisten zum Wein einladen lässt. Irgendwas, dass zeigt, wie verdorben die Politiker, wie schlecht die Welt, wie todgeweiht das Universum ist.

Nachdem „Xaver”, der Killersturm, Hamburg und Bremen nicht wirklich versenkte, hat es nun Marietta Slomka versucht. Heldenhaft warf sie sich für den Skandal in die Bresche, es handele sich, wenn Parteien etwas entscheiden, um Verfassungsbruch. Wie schön das klingt! Fast wie Deichbruch. Da muss man gleich dreizehn Mal nachhaken, wie sonst nur, wenn es darum geht, einen Politiker zu fragen, ob er nicht doch Bundeskanzler werden will.

Als Nächstes mühte sich Frank Plasberg an einer Generalbeschimpfung von Politikern ab, bei der ebendiese brav mitmachten, indem sie im Studio saßen und im Stile von „Deutschland-sucht-den-Superdepp” mitdiskutierten. Die Vermutung, dass Amazon, dieser Moloch und Weltverderber, das Abendland zerstört und Unterlohn-Sklavenheere produziert, zerfiel in Günther Jauchs Talkshow leider zu dem, was es ist: vorweihnachtliche Themen-Notdurft. Aber die Sache mit den Sklaven, die könnte was werden. Erinnern Sie sich? Die „Sklaven von London” produzierten neulich eine Schlagzeilenwelle. Über 5.000 Sklaven, so munkelte man, sollten sich allein in London befinden. Wie viele wären das in Berlin, Detmold, Bielefeld?

Leider stellte sich die Sache als eine regressive WG mit maoistisch-subkulturellen Wurzeln heraus, in der man nicht voneinander losgekommen war. Schade. Und der „Tod durch Burn-out”, bei dem Moritz E., ein deutscher Praktikant bei Merrill Lynch, vor einigen Monaten an neoliberalistischem Arbeitsterror starb? Der Student litt, wie man neulich im Kleingedruckten lesen musste, an erblicher Epilepsie. Er hatte einen Anfall.

Stellen wir uns einmal vor, es würde uns mit allen Skandalen, in denen wir es uns so gruselig gemütlich eingerichtet haben, ähnlich gehen. Die Klimakatastrophe wäre kein Weltende, sondern eben ein Wandel. „Der Abhör-Terror der NSA” kein Anzeichen für den nahenden Big-Brother-Faschismus, sondern nur eine unangenehme Begleiterscheinung von Terrorvermeidung. Das Bröckeln und Verarmen und „Abgleiten der Mittelschichten” ein verzweifelter Versuch von Spiegel-Redakteuren, die Auflage zu halten. „Lange war von den Abstiegsängsten der Mittelschicht die Rede

Eine neue Umfrage zeigt, dass sie eigentlich sehr zufrieden ist. Und ihr Idol heißt Helmut Schmidt” – so stand es neulich in der FAZ. Stellen wir uns das vor: All die Erregungen, mit denen wir in den letzten Jahren unser Weltbild poliert haben, „Untergang des Wohlstands durch Staatsverschuldungskrisen”, „Demografische Katastrophe”, „Generation Praktikum”, „Enteignung der Sparer” – alles nur medialer Skandal-Kokolores!

Hans Magnus Enzensberger formulierte neulich in einem seiner Essays: „Von unfassbaren Katastrophen eingeschüchtert und von winzigen Störungen verfolgt, leben wir in einer durchlöcherten Normalität, durch die das Chaos uns höhnisch entgegengrinst.” Frohes Fest!

2 comments for “Die Null-Skandale

  1. Jörg
    08/01/2014 at 21:40

    Um im anscheinend immer brutaleren Wettbewerb um Aufmerksamkeit bestehen zu können, müssen Medien immer schrillere Töne anstimmen – bis die Texte/Sendungen irgendwann nur noch aus Superlativen des Schreckens bestehen, etwa so: SATAN!!! AUSCHWITZ!!! HÖLLE!!! HÖLLE!!! SATAN!!! AUSCHWITZ!!! HÖLLE!!! SATAN!!! HIROSHIMA!!! AUSCHWITZ!!! HÖLLE!!! HÖLLE!!! SATAN!!! AUSCHWITZ!!! AUSCHWITZ!!! AUSCHWITZ!!! HÖLLE!!! SATAN!!! HIROSHIMA!!! AUSCHWITZ!!! SATAN!!! AUSCHWITZ!!! HIROSHIMA!!! HIROSHIMA!!! HÖLLE!!! AUSCHWITZ!!! SATAN!!! usw. usf.

  2. Willi
    13/12/2013 at 11:03

    Ein pointierter Kommentar, der mir aus der Seele spricht!! Die mediale Skandalerregungskurve muß ja jeden Tag aufs Neue an den Skalenanschlag geführt werden, damit die Quote stimmt! Dumm nur, dass Teile der Bevölkerung alles glauben, was massenmedial verbreitet wird und die Fähigkeit zur objektiven Analyse durch die Nachrichten- und Skandalflut zunehmend verkümmert…

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