Die nächste Globalisierung

Die Globalisierung scheint in die Krise geraten zu sein, zusammen mit anderen Begrif¬fen wie Multi-Kulturalität, Globalismus und internationaler Handel. Doch falsche Vergleiche und Gleichsetzungen gab es immer schon in der Menschheitsgeschichte, und deshalb musste der Versuch, unsere konnektive, globale Welt mit den Begriffen von Gestern zu begreifen, irgendwann schiefgehen – und sich zu einem rein negativen Bild des Globalen verdichten.
Ich, der Sohn einer globalisierten Familie, argumentiere, dass dieser backlash gegen die globale Welt

  • auf falschen Konzeptionen und Klischees beruht,
  • die globale Gemeinschaft am Ende stärken wird und
  • eine globalere UND gerechtere Welt möglich ist.

Erstens

Brexit, Trump, das Bröckeln der EU, die Übernahme der Jobs durch Roboter und der islamische Terrorismus – lineare Projektionen dieser Phänomene führen zwangsläufig zu einem dunklen Bild der Zukunft. Einer Zukunft, in der kulturelle Grenzen wieder undurch¬dringlich und Angst die entscheidende soziale Kraft ist. Die Medien als Sündenbock für die zahl¬reichen Meinungsblasen zu benutzen, führt nicht viel weiter. Auch unabhängig vom Internet nehmen Menschen immer weniger globale Meldungen wahr, und wenden sich immer mehr dem Lokalen zu. Zusammen mit der Tatsache, dass negative, sensationelle Nachrichten unsere archaischen Instinkte weitaus mehr wecken als neutrale Infor¬mationen, könnte man von einem rückwärtsgewandten Wahrnehmungsmuster sprechen. Die sozialen Medien werden von Gleichrichtungsmustern überschwemmt, die uns daran hindern, tiefer zu denken – eine erste Konfrontation mit Künstlicher Intelligenz, die uns davon überzeugen sollte, dass menschliche Interaktionen immer von Menschen kuratiert werden sollten.

Neue psychologische Studien zeigen, dass ausgerechnet Empathie eine der Hauptursachen für die Verengung von Meinungen und Sichtweisen darstellt. Es ist evolutionär einleuchtend, dass Empathie immer nur für diejenigen angenehm ist, denen wir nahe sind. Empathie wirkt immersiv! Den Schmerz, den man „vom anderen” erfährt, ist real! Deshalb haben Trump-Wähler hohe Empathie für alle anderen Trump-Wähler, aber totale Distanz zum anderen Lager – und vice versa. Empathie ist jedoch keine sozial positive Kraft, wenn sie die „Anderen” ausschließt – auch wenn es sich um einen evolutionären Instinkt handeln mag. Im Laufe der Geschichte hat der menschliche Fortschritt die primären Instinkte durch komplexere Verhaltensmustern ersetzt.

Es ist deshalb sinnvoller, auf Mitgefühl zu setzen. Mitgefühl erkennt an, dass wir über Kulturgrenzen hinweg ÄHNLICHE Qualitäten suchen: Liebe, Sicherheit, Gesundheit, Glück. Dies in angemessener Weise anzuerkennen ist verbunden mit MINDFULNESS – Achtsamkeit. Eine Eigenschaft, die uns helfen kann, unsere subjektiven Gefühls¬verzer¬rungen zu relativieren. Sie nimmt die Subjektivität aus der Leidenschaft heraus und macht es möglich, Lösungen mit Menschen zu finden, die anders sind als wir selbst. In einem Zeitalter, in dem Information allgegenwärtig ist, kann uns ein achtsamer Zugang zu menschlichen Beziehungen vor unserem Instinkt bewahren, bedingungslos mit anderen zu sympathisieren – oder sie zu Feinden zu erklären. Damit wären die schärfsten Waffen der Populisten entschärft.

Zweitens

Um zu verstehen, wie und warum die kommende Phase der De-Globalisierung in Wirklich¬keit eine Phase der Prä-Globalisierung ist, sind einige systemische Konzepte vonnöten. Wir können die Anzeichen deglobalisierender Trends im größeren Maßstab als eine Phase der Rekursion begreifen: Das „System Globalisierung” entledigt sich durch eine Krise einiger seiner Fragilitäten und Unzulänglichkeiten. Die zwei Weltkriege im 20sten Jahrhundert lassen sich als eine EXTREME Form der Rekursion des Globalen begreifen, aber weniger extreme Formen der Rekursion sind viel häufiger, plausibler – und notwendiger.

Nehmen wir ein Beispiel aus der digitalen Welt: Seit dem Siegeszug der Informationstechnologien sind ausgerechnet Bibliotheken gut besucht und beim Publikum begehrt. Das Alte wird wieder cool – Retrotrends sind Begleiterscheinungen von Rekursionen. Retrotrends führen dazu, dass das Alte und das Neue zu neuen Synthesen rekombiniert wird. Im Falle der Globalisierung heißt die Synthese GloKALisierung.

Als ich vor einiger Zeit nach Nepal reiste, eines der ärmsten Länder der Welt, fand ich ein kleines, von einer Familie betriebenes Cafe, das sich dem GloKAL-Prinzip verschrieben hatte. Das Schild an der Fassade trug die Aufschrift „Think Global, Act Local”. Das ist der Kern von Glokalität: Man kann diesen Meta-Trend auch bei Mittelschichts-Familien beobachten, die lokale Produkte kaufen, während ihre Kinder auf internationale Schulen gehen. Die Schweiz, eines der globalisiertesten Länder der Welt, ist gleichzeitig ein Konglomerat vielfältiger lokaler Einheiten, der Kantone und Täler und Regionen. Durch den Diskurs der Demokratie entstand ein mehrsprachiger, multi-nationaler, glokalisierter Staat, der von innen nach lokalen Bedürfnissen gesteuert wird und nach außen vielfältige Wirtschaftsbeziehungen unterhält, nicht zuletzt auf den Finanzmärkten. Multinationalität ist die Stärke dieses Staates, nicht das Hindernis – die Schweizer schöpfen aus dem Besten beider Welten, dem Lokalen und dem Globalen.

Das Globale Parlament der Bürgermeister, das im Jahr 2016 zum ersten Mal tagte, über¬setzt das glokale Prinzip auf die großen Welt-Städte. Zunächst würde man glauben, dass Bürgermeister ausschließlich die Bedürfnisse ihrer jeweiligen Stadt repräsentieren. Aber diese neuen „glokalen” Bürgermeister haben das Schweiz-Prinzip verstanden. Sie verbinden das lokale Netzwerk ihrer Stadt mit dem globalen Netzwerk der Metropolen – nur so können am Ende Probleme der Erderwärmung, der Mobilität, der Armutsmigration gelöst werden. GloKALisierung vom Feinsten!

Drittens

Im Gegensatz zur derzeitigen öffentlichen Wahrnehmung hat Globalisierung weitaus mehr positive als negative Effekte. Die Daten-Plattform Gapminder, eine führende Plattform globaler Daten, hat gezeigt, wie unglaublich verzerrt unsere Wahrnehmungen der globalen Welt sind. Gapminder zeigt, wie Armut, Kindersterblichkeit, Bildung und viele andere Parameter sich ständig verbessern, seit die Globalisierung begann. Natürlich ist es schwierig, es als positiv wahrzunehmen, wenn arme Länder ihren Lebensstandard verbessern, wenn man die Standards im eigenen Land als weniger positiv empfindet – das nährt mein Argument über die Einengung der Wahrnehmung durch Nähe/Empathie.

Aber es ist wichtig zu verstehen, dass es womöglich bedeutsamer ist, dass die Bürger von Äthiopien auch in einer Dürre (wie derzeit) nicht verhungern, als dass sich mehr Bürger im Westen ein Zweitauto leisten können.

Das Thema ist hier, dass die „Governance”, das Regelsystem des Politischen, nicht in den globalen Raum expandiert ist. Globaler Handel wird damals wie heute zwischen Nationalstaaten ausgemacht; ein System, dass viele Schlupflöcher für Ausbeutungsstrategien und Kriminelle ermöglicht, die ihr Geld vor der globalen Gesellschaft verstecken können. Ist die Abschaffung des Nationalstaates die Antwort? Nicht derzeit. Aber immerhin sind transnationale Allianzen wie NATO, UN oder EU notwendige Brücken zwischen Globalismus und Lokalismus. In den Zeiten von Brexit und Trump und anderen Anti-Globalisierungs-Kräften scheinen diese Brückenorganisationen an Unterstützung zu verlieren. Aber man braucht nur einige kleine Erinnerungen an die Funktionen dieser Organisationen in den Krisen der Vergangenheit, um zu verstehen, wie wichtig sie gerade in Konflikten sind. Manche der bürokratischen Exzesse dieser Organisationen müssen vielleicht überwunden werden, aber generell gilt: Wohin das Geld geht, da muss die Governance folgen.

Wir werden in der nächste Phase der Globalisierung nicht ohne eine höhere Synchronisation von globalen Regeln und lokalen Bedürfnissen auskommen Das ist die große Aufgabe der kommenden Ära nach Trump, Brexit und vergeblicher Re-Nationalisierung: die globale Welt mit neuen evolutionären Regeln zu versehen.

Hinweis:
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Wir bitten um Mitteilung an m.nemeth@zukunftsinstitut.de

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