Die Misstrauens-Gesellschaft

Neulich traf ich einen alten Bekannten aus Skandinavien, der in einer schwedischen Firma in einer hohen Position arbeitet.
„Das ist schon eine komische Sache mit die Schweiz!” sagte er in seinem lustig schwedisch gefärbten Deutsch. „Dass bei Euch so viele Leute mit allen Mitteln Tricks machen! Wir Skandinavier zahlen gerne auch mal 60 Prozent Steuern. Schließlich ist das was Gutes, der Staat, oder?”

Was Gutes, der Staat? 60 Prozent Steuern gerne zahlen? Alter Schwede! Versuchen Sie einmal, so etwas in einer deutschen Talkshow zu formulieren. Nach kurzem peinlichem Schweigen würde die übliche hübsche Moderatorin knallhart zur Exekution schreiten:
„Aber ist es denn nicht äußerst ungerecht, dass… ?
(wahlweise einfügen: Reiche das nicht müssen / die Armen kein Geld haben / Steuergesetze ungerecht sind)

Frenetischer Beifall.

„Unsere Steuergesetze sind auch Blödsinn”, sagt mein schwedischer Freund trocken. „Alle Steuergesetze der Welt sind Blödsinn, wenn man unbedingt mit ihnen kämpfen will.”

Wir leben in einer Empörungs-Emotokratie, die langsam, aber sicher das soziale Gewebe unserer Kultur zerstört. Wir lieben es, uns und andere als Opfer zu inszenieren: Als Sozialopfer, als Steueropfer, als Wetter- oder Impf- oder Schweinestaats-Opfer. Wir erwarten das Optimum vom Staat – und das Schlimmste zugleich.

Der Staat soll die Gesellschaft gerecht machen, die Lebensrisiken abdecken – aber natürlich ist er schuld, wenn ich meine Lebensträume nicht verwirklichen kann, weil er mich mit Steuern „abzockt”. Diese Haltung vereint die Deutschen quer durch alle Schichten, sie bildet einen Misstrauens-Bogen von Reich bis Arm. Sie ist der Neue Deutsche Konsens.

Eine zivile Bürger-Gesellschaft sieht anders aus. Sie ist in der Lage, ernsthaft und konstruktiv über ihre Zukunfts-Fragen zu debattieren. Beispiel Schule: In Skandinavien liegt die Abiturientenrate bei etwa 80 Prozent der 20-jährigen, Bildungsverlierer sind selten.

In Kanada, bei einer ähnlichen Migrations-Problematik wie in Hamburg oder Berlin, schaffen selbst in den „schlechten Stadtteilen” 60 Prozent der Kinder eine Hochschulberechtigung. Wie geht das? Indem man einen anderen Diskurs zwischen Bürger, Zivilgesellschaft und Staat organisiert, in dem Vertrauen und Kooperation dominieren.

Die Schulen dort sind Ganztagsschulen, die sich intensiv und leistungsorientiert um ihre Schüler kümmern – mit Hilfe von Laien-Lehrern aus der Elternschaft. Es geht nicht um Bildungs-Selektion, sondern um die Ausbildung des Talents das JEDER (ja, jeder!) Mensch hat.

Lehrer sind gut bezahlt, werden ständig weitergebildet, von Beamtentum keine Spur. DAFÜR zahlt mein skandinavischer Freund gerne Steuern. In Hamburg hingegen üben die Gymnasialeltern erst mal Talkshow-Rhetorik, wenn Bildung neue Wege gehen soll.

Vertrauen ist die Basis jeder Gesellschaft. Wo es fehlt, wird alles mühsam; die Angst, betrogen zu werden, regiert. Die Sozialforscher der Zukunft werden wahrscheinlich vom Bruttovertrauensprodukt als zentralem Indikator für Prosperität sprechen. Die Ergebnisse der Glücksforschung beweisen, dass dort, wo Menschen sagen, dass man „den meisten Menschen vertrauen kann”, das gesellschaftliche „Wellbeing” besonders hoch ist. Dort, wo man auch mal den Schnee beim Nachbarn wegräumt, wo nicht jeder Politiker generell für einen Idioten gehalten wird, kann sich jene kostbare Konsistenz entwickeln, die eine Kultur im Inneren zusammenhält. Und die Zukunft und Wandel erst möglich macht.

Offenbar tun sich kleinere Länder einfacher mit sich selbst und der Zukunft. Wie wäre es, Deutschland zu zerlegen, in lauter kleine Länder, sagen wir im Format von Finnland, der Schweiz, oder eher gleich Liechtenstein?

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