Die Krisengesellschaft

Haben Sie heute schon gepanikt? Also Zeitung gelesen und Internet geguckt und tief in den Abgrund geschaut? Diesen wunderbaren Flash genossen, wenn die Angst an der Wirbelsäule entlangkriecht oder sich im Magen ausbreitet? Schon wieder ein fatales Rating. Schon wieder eine Riege ernster Politikergesichter auf einer Konferenz ohne Ergebnis. Es geht zu Ende. Der Wohlstand. Die Sicherheit. Europa. Die Hoffnung auf ein besseres Morgen.

Der Soziologe Dirk Baecker hat für den Paradigmenwechsel, den unsere Kultur derzeit durchläuft, den Begriff der „Krisengesellschaft“ geprägt. Anders als in der „Risikogesellschaft“, die ein anderer Soziologe, Ulrich Beck, vor 15 Jahren erfand, geht es nun nicht mehr um Zivilisationsrisiken wie Kernkraftunfälle oder Kriege oder soziale Verelendung, vor der wir uns fürchten müssen. Der Erstfall ist längst eingetreten. Und zwar für immer.

Früher war Krise noch ein Zustand, der eine Störung der Normalität signalisierte. Man konnte und musste die Sache reparieren, und die Krise wäre überwunden. Heute ist die Normalität verschwunden. Krisen, so Baecker, sind längst dauerhafte Kommunikationssysteme. Sie sind Indikatoren des Wirklichen. Sie lassen uns die Welt in ihrer ganzen Sprunghaftigkeit, Zufälligkeit, Geworfenheit, wie die alten Philosophen sagen würden, verstehen. Wir realisieren plötzlich, dass unser Wohlstand auf nichts als vagen Übereinkünften basiert. Währungen. Vereinbarungen. Hoffnungen. Vertrauen. Wie in der Liebe kann dieser Zustand nie stabil sein. Es braucht nur ein Scheidungsgerücht oder eine Rating-Agentur, und schon rennt die ganze Hammelherde in Richtung Abgrund. Warum funktioniert diese opportunistische Panik so gut? Weil sie jede Menge Gewinner produziert. In Deutschland sind dies vor allem die Professoren, die Delegierer und die Schongewussthaber. Die Professoren sitzen schon seit Jahren in Talkshows und schreiben Bücher mit Titeln wie „Warum ich als Professor die Weltwirtschaft durchschaue!“ Die Delegierer sind die Profis triumphaler Pressekonferenzen, auf denen Schuldige benannt werden: Neoliberalisten, Ausbeuter, sonstiges Gesocks! Die Schongewussthaber müllen Millionen von Zeilen in Internetblogs, Leserbrief- und Kommentarspalten zu, auf denen sie uns immer wieder klarmachen, dass sie alles schon gewusst haben…

Ohne Professoren, Delegierer, Schongewussthaber wäre unsere Ökonomie längst am Ende. Im Fernsehen liefen nur Tierdokumentationen. Bestseller wie „Deutschland bringt sich um, die anderen sind schuld!“ wären nie erschienen. Die ganze Berater- und Bankenbranche wäre pleite. Neulich rief mich mein Bankberater an, von dem ich seit 2008 nichts mehr gehört habe. Er hätte jetzt lukrative Gold-Derivate, nur zehn Prozent Ausgabeaufschlag – ob ich denn heute schon Zeitung gelesen und ins Internet geschaut hätte?

In meiner Jugend, in den goldenen Sponti-Tagen, hatten wir einen Spruch „Stell dir vor, es ist Krieg, und keiner geht hin!“ Es wird Zeit für eine neue Sponti-Strategie. Wohlwollende Ignoranz. In zwei, drei Jahren redet keiner mehr davon. Wir zahlen nach wie vor mit dem Euro. Der Wohlstand hält an, ganz prekär. Europa streitet sich, und bleibt doch ein wunderbarer Kontinent. Wetten, dass?

Jetzt fahre ich erstmal in Urlaub. Nach Griechenland

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