Die Krise als Zeitenwende

Eigentlich geht es immer um dieselbe Frage: Wie interpretieren wir die Krise?

  1. Ein typisches Zeichen für das Versagen des Kapitalismus
  2. Der Anfang vom Ende des Wohlstands
  3. Der Beginn eines Wandlungs-Prozesses in Ökonomie, Gesellschaft, Politik und Kultur

Wenn Sie der Antwort 1 zuneigen, sagt das vor Allem etwas über Ihre Erwartungen aus. Sie möchten in einer Wirtschaftsordnung leben, die völlig reibungsfrei verläuft. Wenn es zu Störungen im Motor kommt, neigen Sie dazu das ganze Auto zu verschrotten.

Wenn Sie 2 bevorzugen, sagt das eine Menge über Ihre Ängste. Diese Krise ist nicht zuletzt eine mentale Vertrauenskrise. Belastet wird unser Vertrauen in die Stabilität der ökonomischen, politischen, sozialen Systeme, die uns umgeben. Wie weit trauen wir der Welt?

Wenn Sie 3 bevorzugen, ist dies eine Antwort aus dem Leben gegriffen. Aus der persönlichen Erfahrung wissen wir, dass persönlicher Wandel, Veränderung im Sinne einer Reifung, nicht ohne Störungen möglich ist. Krisen im privaten Leben bedeuten immer, dass etwas so, wie es lief, nicht mehr weitergehen kann. Wir überwinden sie, wenn wir das annehmen und akzeptieren. Und in WANDLUNG umsetzen. Dann kommen wir gestärkt aus einer Krise hervor. Könnte und müsste das nicht auch für die Ökonomie gelten?

Zwanzig Jahre lang hat die Welt einen Wirtschaftsboom erlebt, wie er in der Geschichte seinesgleichen sucht. Hunderte von Millionen Menschen sind in diesem Prozess von Reisbauern zu Kleinbürgern, von Land- zu Stadtbewohnern geworden. In China hat sich eine Mittelschicht von 500 Millionen Menschen entwickelt, Indien wächst auch heute noch mit über 6 Prozent. Und die ersten Anzeichen des globalen Booms kamen in den letzten Jahren auch in Afrika an, wo die Hälfte aller Länder, nahezu unbemerkt von der Öffentlichkeit, seit Jahren 5 bis 6 Prozent BSP-Steigerung pro Jahr erfahren.

Befeuert wurde dieser globale Boom vom Ende des Ost-West-Konfliktes, der den abgeschotteten Ländern des Ostens und Südens den Eintritt in die Globalisierung erlaubte. Angetrieben wurde er von den produktivitätssteigernden Kräften des Computers, der eine weltweite Logistik mit immer höheren Arbeitsteilungen entstehen ließ. Von diesen Prozessen profitierten beide Seiten, die Schwellenländer und die Industrieländer. Die westlichen Ländern konnten nun ihre (teuren und komplexen) Waren in immer mehr Regionen der Erde exportieren. Die Schwellenländer lieferten im Gegenzug Millionen von Containern mit billigsten Waren.

So entstand der Zeitgeist des „Geiz ist Geil”: Mit unserem Geld konnten wir, ohne uns allzu sehr anzustrengen, immer mehr billige Kleider, Geräte, Möbel kaufen. So entstand auch „Chinamerika”  – jener globale „Deal”, in der die Wirtschaftsmacht USA ihr Defizit durch Auslandsinvestitionen aus China kompensierte, von wo es eine immer größere Flut von Billigwaren bezog.

Was wir dabei nicht wahrnahmen: Die Produktivität unserer Wirtschaft stagnierte. Bei Absatzproblemen nahm man sich immer die Kosten vor: Es war einfach, outzusourcen. Oder man versucht, mit Gewalt zu wachsen, zu fusionieren, Konkurrenten aufzufressen. Oder die Kosten durch Einkaufsmacht zu drücken.

Ein wenig war es wie im römischen Reich. Dort stagnierte der technische und soziale Fortschritt nach den Anfangserfolgen des Imperiums, weil man durch den ständigen Nachschub von Sklaven Arbeit immer billiger erledigen konnte. So nützte es den talentierten Handwerkern Roms nichts, wenn sie ihre Techniken verfeinerten und verbesserten. Sklaven produzierten einfach immer billiger…

Und wie das in langen Prosperitäts-Phasen so ist, stellte sich eine gewisse Trägheit ein.  In den Kernbereichen der Wirtschaft, im Automobilsektor, im Bankensektor, aber auch in den „Old Industries” von Medien, Pharma und Handel, lebte man prächtig von der Devise „weiter so – mehr davon”.  Autos verkauften sich wie geschnitten Brot an die Neureichen der Schwellenländer – vor allem jene Modelle, mit denen die Autoindustrie 80 Prozent ihres Mehrwerts erzeugt – jenseits von 200 PS, schwer, schnell, prestigestark.

Warum soll man etwas Neues wagen, wenn das Alte so gut funktioniert? Und so kam es, dass die Auto-Industrie auf den bevorstehenden Systembruch bei den Antriebssystemen nicht vorbereitet war.

„Die Krise kommt aus unserer Mitte, dem tiefsten Inneren, dem Kern unseres Wesens”, schrieb die Financial Times vor einigen Wochen. Und sprach damit jene innere Kollaboration an, mit der wir alle an jenem System profitierten, dessen Kollaps wir heute so beklagen.

Was also wird das Ende der Krise einläuten? Wie im richtigen Leben: Selbst-Erkenntnis und (mühsamer) Wandel von Verhaltensmustern. Zunächst das Eingeständnis: Wir sind innovationsfaul geworden. Viele Wirtschaftssektoren haben sich in den letzten zwanzig Jahren in Richtung einer „Spoiler-Economy” entwickelt: immer mehr Features, Details, Sonderfertigungen. Mehr Knöpfe am Handy, mehr unverständliche Paragraphen an Bankprodukten. Aber so gut wie keine WIRKLICH neuen Produkte und Dienstleistungen.

Die Systeme unserer Wirtschaft wurden nicht „lean”, sondern fett und gefräßig. Die Firmenkulturen haben sich in den letzten Jahrzehnten kaum verändert. Sie sind immer noch – siehe Banken – hierarchisch, teuer, langsam, männlich. Sie dienen allzu oft der Apanage alter Herren als der Innovationskraft des Unternehmens.

Frauen, immerhin die Hälfte der Menschheit und verantwortlich für immer mehr Konsum- und Lebensentscheidungen, sind in den Führungsetagen immer noch eine Rarität.

Zweitens müssen wir verstehen, wohin sich die Globalisierung weiter entwickelt: Eine neue Weltwirtschaftsordnung der MULTIPOLARITÄT ist im Entstehen, in der nicht mehr ein EINZIGES Wirtschaftsmodell – das amerikanische – die Blaupause abgibt. China, Südamerika, Indien, selbst Afrika werden Global Player, die ernst genommen werden wollen, die EIGENE Innovationen erzeugen werden. Das bietet für die Europäer mit ihrer Vielfalt und – bisweilen – höheren kulturellen Sensibilität große Chancen. Es bietet (wieder) Chancen für regionale Produkte und Netzwerke, aber auch für echte Multikulturalität in Management-Prozessen. KEINE Chancen bietet es für die alten Fahr-Drüber-Strategien.

Drittens sollten wir die Krise als in ihrem Wesen EVOLUTIONÄREN Prozess begreifen. Wir leben im Darwin-Jahr, und wer sich ein wenig mit Evolution beschäftigt, weiss, dass es in der Evolution eben NICHT um das ÜBERLEBEN DES STÄRKEREN geht. Sondern um den Erfolg der „fitten” – Genau das zeigt uns ja die Krise:  Viele Riesenbanken, Riesen-Autofirmen, große Konglomerate  werden die Krise nicht überleben.

Die Krise ist ein Ausleseprozess, in der sich das Neue er-ahnen lässt. Darwin live, angewandt auf Wirtschaft und Kultur. Ein Prozess, den man im Alltag beobachten kann:

  • Restaurants, in denen man tolles Essen mit netten Leuten erleben kann, zu reellen Preisen, sind gerappelt voll. Tempel mit winzigen Portiönchen und mühsamen Ritualen, gemacht für Spesenritter, sind tot.
  • Hotels mit gutem Design, einer „wahren Seele” und vernünftigem Service sind voll  – während teure Edelherbergen mit hochnäsigem Personal gähnend leer stehen.
  • Läden (auch im Internet), in denen lebendige Mode mit kreativen Leistungen geboten wird, erleben Umsatz-Zuwachs. Läden, in denen nur Kleiderständer stehen, die vom Personal (oder schlechter Software) bewacht werden, gehen ein.
  • Apple wurde mit einer EINZIGEN ECHTEN Innovation – dem iPhone – innerhalb von zwei Jahren zu drittgrößten Handyhersteller der Welt. Nokia hat währenddessen das 557. Modell herausgebracht – aber keiner blickt bei dieser Produktviefalt mehr durch.
  • Die norwegische Firma THINK hat praktisch als einzige Firma in ganz Europa ein fahrfähiges, witzig aussehendes Elektroauto auf dem Markt – und kann sich vor Aufträgen kaum retten. Währendessen testen und testen und testen die großen Autofirmen – und lassen sich mit staatlichen Subventionen ihre Absatzkrise lösen.
  • Unternehmen, die es schaffen, gleichzeitig KLEIN UND GROSS zu sein, können sich in der Krise bewähren. In ihnen existiert das eigentliche Produktionsmittel der Zukunft: Vertrauen, Kooperation, Gegenseitigkeit. Sie sind „produktive Netzwerke” – und keine alten Hierarchien mehr. (Es ist kein Zufall, dass sich die Skandale um Bespitzelung der Mitarbeiter in alten „Konzernen” häufen).

Die Krise wird diejenigen beflügeln und befördern, die mit ihrer Phantasie und Schaffenskraft  neue Märkte formen und kreieren. Die flexibel, innovativ, vielleicht auch ein bisschen visionär sind. Die den „Spirit des Andersmachens” haben, aber gleichzeitig einen Realismus der intensiven Kundenbeziehung. Dabei geht es am Horizont auch um die Vision eines neuen Zeitalters der Werte, der Verantwortung, der HUMANEN RESSOURCEN. Nennen wir das einstweilen das CREATIVE AGE, das Kreative Zeitalter.

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