Die Krise als Scheinriese

Wie unsere kollektiven Ängste die Krise schüren

Im Lieblings-Buch meiner Kindheit gibt es ein Phänomen, dass mich als Zehnjährigen zutiefst beeindruckt hat. Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer sind in die Wüste Nirgendwo geraten, wo sie mit ihrer Lokomotive, der beseelten Emma, umherirren, geplagt von Fata Morganas. Plötzlich taucht am Horizont ein gewaltiger, schrecklicher Riese auf. Panik kommt auf – für ein solches Monster dürfte ein Lokomotivführer und ein kleiner (schwarzer) Junge gerade die richtige   Frühstücksmahlzeit darstellen.

Turtur

Doch beim Näherkommen passiert etwas Seltsames. Der Riese wird immer kleiner. Er schrumpft. Auf ein Meter Distanz ist er ein freundlicher, älterer Herr, der, wie kann es anders sein, in sein nahe gelegenes Oasenhaus zum Tee einlädt. Ein englischer Gentleman.

Stellen wir uns vor – nur EINE MINUTE! – die so genannte Krise wäre nicht das Angst- Schreckens- Endzeit- Horror- Drachen- Monster, als das es uns rund um die Uhr verkauft wird. Stellen wir uns vor, die ganze Krisen-Rhetorik, die wir jeden Tag im Fernsehen sehen und in der Zeitung lesen, wäre eine Scheinriesen-Debatte. Krisotainment eben. Medienhype, gewürzt mit den kollektiven Ängsten einer Wohlstandsgesellschaft.

Als tapfere schwarze Jungs und handwerklich versierte Lokomotivführer würden wir nüchtern analysieren, was passiert ist. Die Weltwirtschaft hatte eine Panne. Das kommt vor. Wie bei der guten, alten Emma. Da muss man auch manchmal heikle Reparaturen durchführen. Aber wenn man clever ist und ein gutes Herz hat, bekommt man das auch wieder hin. Und dann geht die Fahrt weiter. Sogar schneller und besser. Weil man beim Reparieren herausgefunden hat, was wirklich kaputt war.

Eine solche Sichtweise grenzt nicht nur an Blasphemie, sie ist, wie ich in in zahllosen Debatten in und außerhalb der Öffentlichkeit erfahren durfte, reinste Ketzerei. Das Ende ist nah! Wir stehen am Abgrund! Man darf allenfalls noch über die nächsten Schritte diskutieren.

Die evolutionäre Kognitionspsychologie – ein neuer, faszinierender Wissenschaftszweig – lässt uns ein wenig besser verstehen, was die Chiffre „DIE KRISE” eigentlich im Resonanzboden unserer Kultur bedeutet. Zunächst sollten wir einmal aufmerksam zuhören, mit welchen Worten dieses Phänomen beschrieben und assoziiert wird:

  • Abgrund
  • Abrutschen
  • Sturm
  • Flutwelle
  • Erdrutsch
  • Flutwelle
  • Dahinschmelzen
  • Wegschmelzen
  • Tsunami

Ist es Zufall, dass diese Worte allesamt aus dem Assoziationskreis von Naturkatastrophen stammen? „Diese Krise kommt aus unserer Mitte, dem tiefsten Inneren, dem Kern unseres Wesens”, schrieb die Financial Times im Herbst 2008. In der Tat: Es sind die tiefen archaischen Ängste, die Menschen seit Urzeiten mit sich herumtragen, die sich in „der Krise” zu einer Art „Super-MEM” verdichtet haben. Die alte existentielle Angst vor der Flut, der Strafe der Götter, der Vernichtung durch nicht mehr zu kontrollierende Kräfte.

MEME sind die mentalen Entsprechung der GENE. Während Gene die biologischen Formen reproduzieren, sind in den MEMEN kollektive Bilder und Verbindungen gespeichert, die unser Hirn als „Wahrheiten” anerkennt. Durch bestimmte Assoziationen können sie abgerufen oder auch neu verknüpft werden. Und so sind heute „Klimakatastrophe” und „Finanzkatastrophe” und „Wohlstandsverlust” zu einem generellen Untergangs-Verdacht zusammengewachsen.

„Die Menschheit” ist – so der reaktionäre, aber auch modisch-kulturpessimistische Diskurs – „Zu blöd zum Überleben”. Hierzulande birgt das MEM „Die Krise” obendrein historische Ängste, die man in jeder Diskussion spüren kann. „Das ist doch wie 1920 – oder sogar schlimmer!” – Es nutzt nichts, darauf hinzuweisen, dass im Jahr 1920 völlig andere Verhältnisse in Deutschland herrschten – das Bruttosozialprodukt betrug nur ein zwanzigstel des Heutigen, es gab keinen Sozialstaat, die Erwerbsarbeit war auf ein Drittel der Bevölkerung beschränkt, die politischen Verhältnisse instabil, Europa ein Kontinent von Feinden. Finanzkrise gleich Arbeitslosigkeit gleich Elend gleich Bürgerkrieg gleich Krieg. Diese Assoziationskette ist durch historische Traumata entstanden, sie wirkt wie ein Reflex des Alarmismus.

Die Psychologie sagt uns, dass die Übersteigerung von Ängsten immer auch einen versteckten Entlastungswunsch enthält. Und deshalb fallen alle begeistert in die Große Kapitalistenschelte ein. „Die Krise” – das sind alles immer die anderen gewesen, die Spekulanten und Finanzhaie eben. Nie hat man selbst an 10 Prozent Rendite geglaubt! Nie hat man selbst gerne mal Steuern hinterzogen! Nie billige Waren aus China gekauft! Nie den Erzählungen der smarten Jungs aus der Finanzbranche geglaubt, die noch vor einem Jahr alle Business-Kongresse und Talkshows dominierten! Dass unser heutiger Wohlstand eine Menge mit dem Globalisierungsboom der letzten 20 Jahre zu tun hat, mit den gewaltigen Finanzströmen, von denen wir alle profitiert haben, davon ist keine Rede mehr.

So entledigt man sich der Verstrickung mit der Welt. Und so entstehen leider auch jene hysterischen Stimmungen, die irgendwann TATSÄCHLICH brandgefährlich werden können. Im Antisemitismus der 30er Jahre schwangen ja durchaus ähnliche Töne mit: Das internationale Finanzkapital, sprich die Juden, war für alle Übel verantwortlich. Das Reich Albion (England) stand symbolisch für die unmoralische, „kalte” Welt der Ökonomie, gegen die man neue „Ideale” und „unverbrüchliche Moral” setzten musste.

Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer, geschrieben vom begnadeten Humanisten Michael Ende, haben meine Generation (die in den 50er Jahren Geborenen) zutiefst beeinflusst. Die FAZ hat uns das jetzt in einem Essay wunderbar entschlüsselt. Lummerland, die Heimatinsel unserer Helden, ist natürlich Albion, das gemütlich-humanistische England. Und der Drache Malzahn steht für das Dunkle Reich des Schreckens, das wir als Kinder nicht mehr miterlebten, aber noch deutlich SPÜRTEN.

„Jim Knopf” ist eine Parabel über die Evolutions-Theorie, eine Gegen-These zum mörderischen Darwinismus der Nazi-Zeit. Am Ende siegt, nach schrecklichen Gefahren und tiefer Katharsis (die Verwandlung zum Goldenen Drachen!) die Vielfalt über die Düsternis. Zukunftsoptimismus, Humor und Vertrauen, das sind die Botschaften. Menschen können sich ändern, Systeme auch!

Sogar die Piraten von der Wilden 13, die auf den Magnetklippen (=Wall Street) ihr Unwesen treiben, werden vernünftige Leute und helfen den exotischen Meeresbewohnern. Und auch für Herrn Tur Tur, den Scheinriesen, findet sich ein sinnvoller Job in der neuen, multikulturellen Welt: als Leuchtturm auf Lummerland.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.