Die Gewinner

Diese Woche lehrte uns eine Menge über die Art und Weise, wie mediale Massengesellschaften auf kluge Verbrecher reagieren, die die Mechanismen ebendieser Massengesellschaften professionell ausbeuten.

Anders Breiwik hat es geschafft. Er wurde gehuldigt, ver- und enträtselt, befragt, funktionalisiert, als Spiegelung benutzt. Das, was er in seiner Kindheit vermisste, wurde ihm in Megatonnen zuteil: Aufmerksamkeit. Er wurde ein Welt-Star, nicht nur wie bei Warhol für fünf Minuten, sondern für eine ganze unsterbliche Woche.

Nicht, dass die Medien es sich einfach gemacht hätten. Die ZEIT machte auf der ersten Seite mit einem selbstquälerischen Kommentar auf: „Eigentlich sollten wir über ihn nur wenig bringen, und über seine Opfer viel. Das wäre gerecht, aber falsch, denn Öffentlichkeit dient nicht zuerst der Würdigung, sondern der Warnung.” Gewarnt wurde dann nach Herzenslust in den anderen politischen Zeitungen, vor Rechtsradikalismus und Sarrazin und Islamkritik und Verharmlosung. Nur den Boulevard focht all das nicht an. Nach der Devise „Igitt, diese Pornographie gehört verboten!”, wurde reichlich unappetitliche Täter-Pornographie gezeigt.

Dabei lässt sich sehr wohl auf angemessene, rationale Weise über Menschen wie Breiwik reflektieren. Simon Baron-Cohen, ein Psychologe und Autismus-Forscher, hat uns in seinem neuen Buch „The Science of Evil” die Erkenntnis-Instrumente dafür in die Hand gegeben. Baron-Cohen forscht schon Jahrzehnte an der Frage, wie es zu extremen Ausbrüchen individueller Gewalt kommt (die sich bisweilen in kollektiven Formen ausbreitet). Er hat dafür ein plausibles Modell gefunden.

Menschen zeichnen sich durch die Fähigkeit zur Empathie aus. Wir können die Gefühle anderer lesen und darauf reagieren – das ist das, was uns zu sozialen Wesen macht. Es gibt jedoch in der Gesamtbevölkerung einen Anteil von Menschen, der über geringe oder gar keine Empathie verfügt. Konstant unter ein Prozent der Gesamtbevölkerung. Die Ursachen sind teilweise genetisch, teilweise durch Hormon-Extreme in der Embryogenese bedingt. Menschen mit diesem Defekt verhalten sich meist verschlossen, in sich gekehrt. Wird diese Prägung allerdings durch Kindheits-Traumata (Scheidungen, Demütigungen, Missbrauch) herausgefordert, können sich drei Varianten pathologischen Verhaltens ausbilden: Extrem-Narzismus, Psychopathologie und Borderline-Syndrom.

Borderliner sind labile, manisch-depressive Menschen mit Hang zu Wahngebilden. Psychopathologen neigen zum Quälen anderer. Narzisten sind unfähig zur Selbstreflexion. Breiwik hat alle drei Störungen zusammen.

Empathisch gestörte Menschen können ein ganz normales Leben führen. Viele sind klug, nicht wenige verfügen über hohe Begabungen, die sie zu begnadeten Mathematikern, Forschern, Künstlern machen. Aber manchmal kommt es zu mörderischen Resonanz-Prozessen mit der Umwelt. Die Resonanz Hitlers waren die politischen Verhältnisse Weimars. Was Breivik schliesslich zum Massenmörder machte, war das mediale System. Einschliesslich des Internet, dass einem narzistischen Borderline-Pathologen reichlich Möglichkeit gibt, eine Legende zu zimmern.

Wir werden mit den Horrorkindern unter uns leben müssen. Alle Gesellschaften haben das getan. Sie zeigen uns, was an uns menschlich ist. Und das ist der einzige Sinn, den sie haben.

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