Der Einäugige kommt

Der erste „Emotionale Assistent“ kommt auf den Markt. Mit Erfolgsaussichten?

Technik ist, so formulierte einst ein berühmter Science-Fiction-Autor, das, was noch nicht richtig funktioniert. Zu dieser Kategorie gehört mit Sicherheit eine der ältesten technischen Visionen überhaupt: der humanoide Roboter. Seit es so etwas wie „Kultur“ gibt, sind wir von künstlichen Menschen fasziniert. Aber beim Bauen von Robotern, die uns endlich die Wäsche wegräumen, das Klo putzen und Wiegenlieder singen, sind wir noch nicht richtig weit gekommen – allem Künstliche- Intelligenz-Gerede zum Trotz. In Japan alljährlich neu vorgestellte Humanroboter fallen meistens schnell wieder auf die Nase. Oder sie sind einfach nur Spielzeug.

Jetzt gibt es einen spannenden neuen Versuch, einen echten, nützlichen Haus- Roboter auf den Markt zu bringen. Und diesmal sind keine japanischen Labor-Nerds, am Werk, sondern eine Frau. Das könnte einiges ändern.

Cynthia Breazeal heißt die Forscherin am MIT Media Lab, die unlängst Jibo vorstellte, einen „Social Home Robot“. Jibo tut gar nicht erst so, als könnte er Kaffee servieren oder Bierkästen tragen. Er wiegt 2,6 Kilo, ein Standgerät als Kumpan für Einsame oder als Amüsement für Familien. Das eine „Auge“ arbeitet als großes EMOTICON. Es blinkt, zwinkert, rollt und kann zornig oder ratlos gucken – ein antropomorpher Kindchen-Effekt, der sofort emotional beeindruckt. Jibo ist eine interaktive Comicfigur, die auf Befehl Musik macht, den Terminkalender vorliest, Videokonferenzen organisiert oder Fotos macht (und in der Cloud ablegt). Damit ist eine neue Kategorie geschaffen: Der emotionale Assistent.

Das Jibo-Konzept vermeidet klugerweise konsequent den UNCANNY-VALLEY-EFFEKT – jene instinktive Abwehr, der letztendes menschenähnliche Roboter zu einer „unmöglichen“ Erfindung macht – ganz unabhängig von der technischen Komplexität. In psychologischen Tests fand man heraus, dass humanoide Maschinen umso mehr Grusel-Gefühle hervorrufen, je menschenähnlicher sie werden. Deshalb spielt jeder HardcoreScifi mit Androiden, die uns schrecklich Angst machen. Und deshalb handeln so viele Filme von der Übernahme der Weltherrschaft durch ausgeflippte Blechkameraden. Wir wollen als von der Evolution gestaltete Bio-Wesen wissen, was tot ist und was lebt. Darauf beharren wir! Und deshalb werden die meisten Roboter auch in Zukunft aussehen wie Kühlschränke, Waschmaschinen oder Flachstaubsauger.

Jibo soll 2015 auf den Markt kommen, das Projekt ist crowdfunded, es werden Vorbestellungen aufgenommen. Prognose: Jibo wird durchaus ein Erfolg, weil das Konzept endlich einmal stimmig auf die menschliche Psyche eingeht. Aber auf Dauer wird uns diese Entertainmentmaschine wohl eher auf die Nerven gehen. In den Werbefilmen wirkt Jibo wie ein aufgedrehter Teekessel auf Chrystal Meth. In zehn Jahren, so prophezeien wir, wird es viele einsame Einäugige in den Kellern und Garagen dieser Welt geben. Jibo einsam! Jibo traurig! Ach was, die Batterie ist längst leer!

http://spectrum.ieee.org

Erscheint demnächst im Trend-Update

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