Der apokalyptische Spießer

In dieser Zeit der verschärften Rücktritte wäre beinahe der Abgang des einzigen wahren Superhelden unserer Epoche (sorry Lena) in Vergessenheit geraten. Unser geliebter schwedischer Kriminalkommissar Kurt Wallander geht in Pension.

Anders als sein heldenhafter antiimperialistischer Schöpfer Henry Mankell ist Wallander ein Antiheld. In seinem Leben häufen sich die Niederlagen. Er leidet bis heute an seiner Scheidung von einer emanzipierten Ehefrau. Er ist schwach bis mässig im Bett. Er versteht null Bahnhof von den Gefühlen seiner Tochter. Er hat keine richtige E-mail-Adresse, weil ihn das irgendwie verwirrt. In seinem Wohnort Ystad, dieser eigentlich idyllischen Stadt am schwedischen Meerbusen, regnet es dauernd, allerdings ungerechtfertigt.

Ständig schwenken Fronten für die Jahreszeit zu früh oder spät über das Meer, Krähenschwärme ziehen, was nur auf kommende Weltuntergänge hinweisen kann. Wallanders Kollegen sind zwar sympathisch, aber nicht gerecht. Seine Fälle allerdings, allesamt skurile, völlig bizarre Verbrechen, in denen sich das Volksheim Schweden als ein einziges Mörder-Irrenhaus erweist, löst er mit grandiosem Hineinstolpern.

Wallander neigt zum Beleidigtsein wie Horst Köhler, zum Alleingang wie Schimanski, nur dass er nicht austeilt, sondern einstecken muss. Ständig wird er blutend in irgendeinem Strassengraben gefunden. Aber immer ist der Täter danach sauber überführt.

Kurt Wallander ist der wahre Guru der Deutschen, weil er unser Weltgefühl auf den Punkt bringt: Zukunftsangst plus Verschwörungsverdacht. „Ein Kommissar tritt ab, der nie einfach nur einen Mord aufdecken durfte. Sondern immer auch das System dahinter. Eine Weltverteilung, große Schuld”, schreibt der Spiegel im Nachruf. Wallander ist Oskar Lafontaine im Bernstein des Kriminalromans.

„Ich bin immer noch die verwirrte Gestalt an der Peripherie des großen und militärischen Geschehens”, sagt Wallander bescheiden. Aber das Storyboard ist einfach bis grandios: Der Neoliberalismus hat die Welt fest im Würgegriff, der Sozialabbau führt zu schrecklichen Verbrechen, die moderne Technik zerstört „die Werte”. Dahinter ziehen finstere Gestalten, Chinesen und die CIA, die Fäden. Vor allem in Afrika, wo ständig Menschen von Organhändlern und Pharmafirmen ausgeschlachtet werden.

So richtig die Welt verstehen muss man in dieser idyllischen Untergangshaltung nicht. „Feind im Schatten” heisst passenderweise der große Abschiedsroman. Darin heißt es über unseren Helden: „Er schluckte jeden Tag nicht weniger als sieben Tabletten, für seine Diabetes, Blutdruck und seinen Cholesterinspiegel.” Ist eigentlich noch nie jemand auf die Idee gekommen, dass da einfach jemand seine Depression, seine Gesundheitsprobleme, seine Unfähigkeit, Verantwortung zu übernehmen, auf die Welt projiziert? Jetzt geht Wallander nicht nur in Pension, sondern wechselt, wir ahnten es schon, in das Schattenkommissariat des Herrn Alzheimer. Aber keine Angst, lieber Kurt, du bist unsterblich! In jeder unseren Talkshows, Stammtisch-Debatten, politischen Diskursen, kehrst du wieder!

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