Der Amish-Futurismus

Matthias Horx über eine neue Schüchternheit gegenüber der Technik und wie sie uns helfen kann, die Spreu vom Weizen zu trennen.

Die Amish sind eine christliche Gemeinschaft, die seit 1630 mitten in Amerika, dem Land des gnadenlosen Fortschritts, eine altertümliche Lebensweise pflegt. Die Häuser der Amish sind nicht ans Stromnetz angeschlossen. Ihre Familien sind groß, fürsorglich, streng und religiös. Jeder Amish darf die Community jederzeit verlassen. Es handelt sich, trotz mancher Glaubenskonflikte, keineswegs um eine terroristische Gehirnwäsche-Sekte, sondern um eine offene Gemeinschaft. Erstaunlicherweise scheint die Zahl der Amish – immerhin eine Viertelmillion – eher zu- als abzunehmen.

Ließe sich aus dem technik-skeptischen Blick der Amish womöglich etwas für die Zukunft lernen? Alexa Clay, eine amerikanische Internet-Aktivistin, die sich „Cultural Hacker” nennt, schuf in diesem Geiste ein Alter Ego, einen Aktivisten-Avatar aus Fleisch und Blut. In der Rolle des „Amish Futurist“ betritt sie in langem Rock und Haube die Bühnen der hipsten Internet- und Technologie-Konferenzen.

Sie lässt das Publikum seine digitalen Sünden beichten, spricht über das echte Leben und das falsche, lobt und preist und verflucht das Digitale. Sie reist in Videoreportagen durch die großen Städte und testet die technologischen Verführungen, staunend wie ein kleines Mädchen. Sie artikuliert den existenziellen Konflikt zwischen Nähe und Distanz, den das Internet in unseren Seelen entzündet. Und sie trennt die Spreu vom Weizen.

Die Figur des „Amish Futurist“ steht für eine fundamentale menschliche Schüchternheit – ein Gefühl, das wir nicht nur in der Liebe, sondern auch gegenüber Technologie empfinden können. Gegenüber den virtuellen Verführungen, Wollüsten und Abgründen möchte sie eine neue Treue etablieren. Eine Treue zu sich selbst, zum humanen Miteinander, zum menschlichen Maß. Die Amish testen jede neue Technik, jedes neue Gerät, in einem aufwendigen, basisdemokratischen Prozess auf seine Vorteile und Nachteile – eine Art sozio-evolutionärer TÜV.

Die jüngeren Amish werden sogar ermuntert, in die Welt zu gehen und Auto zu fahren, Hollywood-Filme zu sehen, Smart phones zu nutzen. Damit sie sich ein Urteil bilden können. Mit 18 entscheiden sie dann frei, ob sie in der Gemeinschaft bleiben wollen oder nicht. Die meisten kehren zurück auf die Felder von Pennsylvania, in die Welt der Holzhäuser und Pferdekutschen und fruchtbaren Ehen.

Erschienen im TREND UPDATE, www.trend-update.de

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